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Museum : Keine Events - Udo Kittelmanns Pläne für das Museum für Moderne Kunst

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Udo Kittelmann: Familienpläne für Frankfurts Museum für Moderne Kunst Bild: Axel Schneider

Der neue Direktor des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, Udo Kittelmann, will das Haus auf die eigene Sammlung zurückführen.

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          Endlich. Musste wieder einer kommen, der uns das sagt. Ruhig und bestimmt; freundlich und vertrauensvoll: Ein Museum ist ein Museum ist ein Museum... und kein Ort, an dem die Gesellschaft ihren neuen BMW spazieren führt. Nein, nochmals nein. Das Museum des Udo Kittelmann wird ein anderes sein. Bevor man hier kunstferne Zerstreuung etabliert, teibt man doch lieber wieder Schafe durchs Haus.

          Im Herbst soll die Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) aus ihrem Schlummer erwachen. Sie und ihre Werke, so apostrophiert es der neue Direktor, sind das eigentliche Ereignis.

          Es wird, wenn man dem Nachfolger von Jean-Christophe Ammann zuhört, eine Wiedergeburt des Museums aus dem Geiste der Familie. Und dieses Anliegen ist womöglich viel weniger unmodern als man zunächst mal glauben mag. Ausgerechnet der Mann, der bislang noch kein Museum führte, sondern in Kunstvereinen und auf der letztjährigen Biennale von Venedig zeitgenössischen Positionen zum Lorbeer verhalf (Gregor Schneider im deutschen Pavillon), will das Museum ernster nehmen, als das mancher langerprobter Kollege tut. Vielleicht grad darum.

          Familiengeständnisse eins bis drei

          Udo Kittelmann hat hingeschaut (und wir ersparen uns den Verweis auf seine Optiker-Ausbildung) und festgestellt, dass nicht nur erstmals seit Eröffnung des MMK im Jahr 1991 so eine Revision der Sammlung möglich wird, sondern zugleich die Bergung und Neubesichtigung eines Schatzes, der den Frankfurtern und Freunden des Museums, denen er gehört, durch wechselnde Ausstellungen nicht gänzlich mehr vor Augen stand.

          Ein Museum soll es werden, das sich um seine Bestände kümmert - so lautet das Familiengeständnis. Viele angestammte Kinder, darunter eine der bedeutendsten Werkgruppen Andy Warhols, die "Most Wanted Men"-Gruppe, sollen neu erfahren und im gedanklichen Sinne den Besitzen zugeeignet werden. Kittelmann verkneift sich, vor großem Rummel, die Hoffnung zu äußern, die er in einem früheren Gespräch mit FAZ.NET schon äußerte; die Hoffnung, die Sammlung so prominent zu machen, dass sie im Ausland auch als das gelten möge, was sie schon lange sei: international bedeutend.

          Bei der Positionierung des Museums samt Sammlung sei die Funktion des Direktors ganz wichtig. Wo andere Museumsherren ihre eigene Funktion kaum explizieren, betont sich Kittelmann als derjenige, der trotz gemeinsamer Erarbeitung mit seinem Team, für letzte Entscheidungen verantwortlich bleibt und letztlich auch den Kopf hinhalten muss: "Über eine Sammlung lässt sich nicht demokratisch abstimmen", sagt er, Primus inter pares, nein besser noch, Familienvater. Auch Werner Schmalenbach hätte für die vorzüglichen Bestände der Kunstsammlung NRW keinen Konsens gebraucht, sondern "nur" seinen Geschmack. Das scheint weniger autoritäre Geste als Selbsterklärung zum Zweck der Sicherung einer Gesamtidee zu sein: ein Museum braucht - in diesem neuen, alten Sinne - eben auch die starke, in diesem Falle "schauende Führung".

          Ein Kinderzimmer braucht es auch. Das "Kinderzimmer" ist eine hübsche Idee. Jedes Jahr soll künftig ein Künstler, dessen Werk an sich schon "kindgerecht" ist und keiner besonderen pädagogischen Vermittlung bedarf, eine Ausstellung für diesen neuen Museumsraum konzipieren; angefangen mit dem in Düsseldorf lebenden Medienkünstler Hans-Peter Feldmann, der alltägliche Dinge und Wahrnehmungen (wie die in der Dia-Preview gezeigten Spiegeleier in der Pfanne), zu braten, nein in die Kunst zu überführen versteht.

          Familiengeständnisse vier und fünf

          Außerdem soll es ein Archiv und eine Kooperation mit dem Iserlohner Designarmaturen-Hersteller Dornbracht geben. Die Einrichtung eines Archivs gründet auf der Idee, dass jedes Museum ein Archiv ist. In einen eigens eingerichteten Raum wird einmal im Jahr ein auswärtiges Archiv, das sonst nur eingeschränkt zugänglich ist, nach Frankfurt eingeladen. Die programmatische Ausstellungsreihe beginnt mit der vielversprechenden Präsentation des Friedrich Kiesler-Zentrums aus Wien. Damit kommt eine der radikalsten Ausstellungskonzepte des 20. Jahrhunderts, Kieslers Projekt für Peggy Guggenheims New Yorker Galerie "Art of this Century", in Hunderten von Skizzen, Briefen und Fotos an den Main.

          Die Firma Dornbracht widmet ein Prozent ihres jährlichen Gesamtumsatzes einer zeitgenössischen künstlerischen Position im Bereich Installation; Kittelmann holt "Dornbracht Installation Projects" ans MMK und widmet damit dem in Glasgow lebenden Künstler Martin Boyce gleich seine erste große Einzelausstellung in Deutschland. Die letzten drei Geständnisse nennt Kittelmann "seine Liebschaften"; auch sowas kommt ja in den besten Familien vor, wenn nur der Kern erhalten bleibt.

          Am 13. September wird der Vorhang fallen, der filmisch anmutende Titel "Das Museum, die Sammlung, der Direktor und seine Liebschaften" wird sicherlich auch Peter Greenaway ins Haus locken - und hoffentlich werden wir dann alle sehen, was der Direktor uns sehen machen will: eine Sammlung, die keinesfalls "museal" erscheint, sondern lebendig, gegenwärtig und zum allseits sinnlich-sinnstiftenden Genuss anregt. Der Familie will man schon jetzt zuprosten: Macht bloß zum Einstand keine Party. Treibt lieber Schafe durch das Haus.

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