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Museum in Odessa : Schmuggelschätze

  • -Aktualisiert am

Wenn die Staatsmacht nicht so genau hinschaut, blühen die Syndikate auf. Bild: Reuters

Ein Schmuggelmuseum zieht in der ukrainischen Korruptionsmetropole das Publikum an. Dabei ist das Phänomen gar nicht museal, sondern höchst aktuell.

          In Odessa, der korruptesten Region der für Korruption notorischen Ukraine, ist das Schmuggelmuseum ein Publikumsmagnet. Das privat geführte Haus – das einzige seiner Art im postsowjetischen Raum – erzählt von der kriminellen Kreativität, der Odessa auch seinen kulturellen Reichtum verdankt und an der sich der von Präsident Petro Poroschenko als Gouverneur eingesetzte georgische Korruptionsbekämpfer Micheil Saakaschwili die Zähne ausgebissen hat.

          Die Ende des 18. Jahrhunderts von Katharina der Großen gegründete, von Franzosen verwaltete und von Italienern erbaute Schwarzmeer-Hafenstadt zog Händler, Söldner, Abenteurer aus ganz Europa an und war in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts der einzige Freihafen des Russischen Reiches. Odessa steht auf muschelsteinernem Grund, das Baumaterial wurde aus der Tiefe herausgeschnitten, und die so entstehenden „Katakomben“, ein weitverzweigtes Tunnelsystem, waren für das Schmuggelgeschäft ideal. Zollfrei eingeführte Brillanten, Gold, Weine wurden durch die Tunnel weit hinter der Stadt wieder ans Tageslicht gebracht und in Richtung Europa oder Russland weitertransportiert. Dem Schmuggel verdanke sich nicht zuletzt die europäische Eleganz ihrer Stadtpaläste, versichern lokalpatriotische Odessiten.

          Der Pudel des Kaufmanns

          Wie wenig die Betrüger die Zollfahnder fürchteten, veranschaulicht die Wette des Odessaer Kaufmanns Toporow, der 1847 dem mit ihm befreundeten Gouverneur von Odessa, Michail Woronzow, ein Landgut versprach, wenn der ihn beim Schmuggeln erwischen würde. Woronzows Zollfahnder unterzogen Toporow einer Leibesvisitation, sie nahmen seine Kutsche auseinander, tasteten die Pferde ab, fanden aber nichts. Da zeigte Toporow, zum Beweis, dass er die Wette gewonnen hatte, auf seinen „Pudel“, der eigentlich ein geschorener Straßenköter war, aber umwickelt mit Schaffell, in dem lauter Diamanten steckten.

          Ein paar Jahre später wurde das Freihafenregime aufgehoben. Davon profitierte die Staatskasse, doch auch das Zollbeamtentum wurde ein einträglicher Beruf. Zu sowjetischer Zeit war Odessa wegen des totalen Warenmangels der Hauptmarktplatz, wo allgegenwärtige Untergrundhändler, die sogenannten „Farzowschtschiki“, westliche Kleidung, Kosmetik, Kassetten, Schallplatten einkauften und in die Tiefen des Landes brachten. Das Hafenpersonal und Staatsbeamte deckten sie gegen Gewinnbeteiligung.

          Heute ist vor allem Heroin gefragt, das findige Schmuggler selbst für Spürhunde unauffindbar machen, indem sie es mit Fayence verbacken und als Geschirr tarnen, das später pulverisiert wird, erfährt man im Museum. Saakaschwili, der vor zwei Jahren Gouverneur von Odessa wurde, wollte den korrupten Zollfunktionären das Handwerk legen, die durch schleppende Abfertigung Schmiergeld von Geschäftsleuten erpressten. Er entließ die Beamten, reduzierte die Zollpassage, allerdings auch die Einnahmen des Staates. Vor allem aber soll er die Odessaer Syndikate aufgebracht haben, die bei Poroschenko seine Absetzung erwirkten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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