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Museum des 11. September in New York : Erschüttert nimmt man es zur Kenntnis

Ein zerquetschter Helm in der Ausstellung. Auf Erläuterungen kann traurigerweise verzichtet werden. Bild: AFP

Das nun fürs Publikum geöffnete Museum des 11. September ist ein Parcours des Grauens: zerquetschte Helme, staubbedeckte Schuhe, verkohlte Ausweise. Auf Erläuterungen kann traurigerweise verzichtet werden.

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          Wer die Sicherheitsschleusen am Eingang zum Museum des 11.September passiert hat, der hat noch einen weiten Weg vor sich. Über schiefe Ebenen, die sich lang hinziehen, wird man geleitet; über breite Stufen geht es allmählich hinab, ohne dass man sehen könnte, wohin man unterwegs ist. Das Treppenhaus ist das klassische Ordnungselement der Museumsarchitektur. Indem der Besucher die Stufen erklimmt, versetzt er sich in eine gehobene Stimmung. Er tritt ein in eine hierarchisch sortierte Welt. Auch eine überwältigende Fülle von Eindrücken wird ihn nicht überfordern, weil im Museum alles seinen Platz und seinen Rang hat. Hier ist alles anders: Die Treppen laufen auf keine zentrale Schatzkammer zu. Den Dingen, die hier gesammelt, konserviert und gezeigt werden, war es nicht bestimmt, in die Ewigkeit des Schaukastens einzugehen. Man gelangt an einen Ort, den man nie betreten hätte, wenn der 11. September 2001 ein Tag wie jeder andere geworden wäre.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Das gläserne Empfangsgebäude des Designkollektivs Snøhetta lässt den Besucher vermuten, dass es in die Tiefe geht; es steht schief, als hätte sich hier ein Erdrutsch ereignet. Aber von den gewaltigen Ausmaßen der Katakomben vermittelt der oberirdische Teil der Anlage keine Vorstellung. Der Ort dieses Museums macht sinnfällig, dass es sich wirklich um ein Museum handelt, eine Apparatur zur Herstellung und Bewahrung von Distanz. Es liegt keineswegs auf der Hand, welche Bedeutung die Ereignisse des 11. September 2001 für das heutige Leben der Stadt New York oder der Welt haben. Was an Museumsstücken durch wiederholte Betrachtung mit der Zeit hervortritt, weiß man vorher nicht.

          Zusammengepresste und auseinandergerissene Undinge

          Auch in Museen vom Rang des Metropolitan Museum of Art heißen den Besucher heute Kopien willkommen, Abbildungen der bekanntesten Stücke auf riesigen Plakaten, bevor er ein Original zu Gesicht bekommt. In den Museumsfoyers des neunzehnten Jahrhunderts bereitete allegorischer Zierrat das Publikum auf den verständigen Kunstgenuss vor. Auf solche Propädeutik wird hier verzichtet. Wer nicht wissen sollte, was am 11. September passiert ist, bekommt keinen Fingerzeig, was ihn hier erwartet. Dunkle Wände und große Blumensträuße lassen am ehesten an ein modernes Luxushotel denken, in dem Diskretion der höchste Wert ist. Ein Museum eines einzelnen Tages ist etwas anderes als ein Museum eines Krieges oder einer Revolution, ein Grenzfall des historischen Museums.

          Eingeführt wird der Gegenstand als Ereignis im strengen Sinne des historischen Proseminars: ein Geschehen, von dem (sehr viele) Menschen gehört haben und das (sehr viele) Menschen gesehen haben. Auf dem Weg nach unten kommt dem Besucher die Sache zu Ohren, die bis heute unfassliche Nachricht vom Anschlag auf das World Trade Center, als Collage aus O-Tönen. Und noch ehe man die brennenden Türme wiedersieht, sieht man Fotos von Menschen in Manhattan, die sie brennen sehen. Diese Fotos werden projiziert und dabei so übereinandergelegt, dass jeweils die Silhouette einer Figur ins folgende Bild hinübergerettet wird. Die Gesten des Entsetzens wiederholen sich.

          Den gebogenen Stahlbalken sieht man an, dass sie nicht geformt, sondern verformt worden sind.

          Ein Ereignis dieser Art bringt seine eigenen Pathosformeln hervor, Schattenrisse elementarer Solidarität in der absoluten Ohnmacht. Auf diesen Fotos sind New Yorker zu sehen, die von der Angst um Nachbarn und Kollegen gepackt werden und oft bis heute unter dem Furchtbaren leiden, das sie mitansehen mussten. Aber es sind Gerettete, Davongekommene. Konsequent erzählt das Museum die Geschichte des 11. September durch Zeugnisse. Die Besucher werden eingeladen, als neue Zeugen hinzuzutreten.

          Auf der Wanderung zum Nullpunkt begegnet man vereinzelten dinglichen Zeugnissen von kolossalen Ausmaßen, Fragmenten der Zwillingstürme, die aus dem Schutt geborgen wurden. Diese Objekte kommen einem in unheimlicher Weise vertraut vor. Man hat ihresgleichen im Museum schon gesehen, im Kunst- und im Technikmuseum. Die verbogenen, verrosteten Stahlsäulen lassen an die Skulpturen aus industriellen Materialien denken, die in der Zeit der Errichtung des World Trade Center (1966 bis 1971) die große Mode in der amerikanischen Kunst waren. Und der ausgebrannte Riesenmotor könnte auch ein Abfallprodukt der Raumfahrt oder Atomkraft sein – zum Zeitpunkt seiner Installierung war er der stärkste Aufzugsmotor der Welt. Der Schrott muss beschildert werden, damit er den Massenmord bezeugt. Aber eigentlich erübrigen sich die Erläuterungen. Dem gebogenen Stahlbalken sieht man an, dass er nicht geformt, sondern verformt worden ist. Nur ein großes Unglück oder absolute Bosheit kann diese Undinge zusammengepresst und auseinandergerissen haben.

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