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Multikulturalismus : Wohlstand für alle

Kanada als Vorbild für Berlin? Bild: AP

In Kanada gehört die kulturelle Verschiedenheit wie selbstverständlich zur Leitkultur. Anders als in Deutschland sind die Ausländer hier ökonomisch integriert - und werden als Gewinn betrachtet.

          3 Min.

          Kürzlich auf dem internationalen Flughafen von Toronto. Die Maschine am Flugsteig nebenan ging nach Tel Aviv. Sie schien ausgebucht zu sein, die Wartehalle war voll von jüdisch-orthodoxen Familien; Erwachsene wie Kinder lasen halblaut aus Gebetbüchern, die sie aufrecht vor sich hielten.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Hochsicherheitsflug ohne Zweifel, wie sich auch der abgeklärteste Passagier zu registrieren angewöhnt hat. Wer seinen Scherz mit der Gefahr treibt, muß mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, stand auf einem Hinweisschild. Um so verblüffender dann der Moment der Sicherheitskontrolle: Alle Frauen, die die Durchleuchtung des Gepäcks überprüften, trugen Kopftuch. Zu sagen, Juden übergäben ihr Schicksal hier in die Hände von Muslimen, würde allerdings den Charakter des Vorgangs verfehlen. Obwohl beide Gruppen ihre kulturelle Identität mit ihrer Kleidung durchaus eindeutig demonstrierten, war die kulturelle Verschiedenheit doch in der funktionalen Differenzierung aufgehoben. Die Schärfe der Kontrolle ließ alles hinter sich, was von deutschen Flughäfen gewohnt ist.

          Kanada ist keine Insel

          Gleichwohl bleibt Erstaunen, wenn nicht Beunruhigung angesichts dieses Vertrauens in die Fähigkeit zur kulturellen Selbstrelativierung, das der kanadische Staat da seinen Bürgern auch in einem so hochsensiblen Bereich entgegenbringt. Auch Kanada ist keine Insel im Weltgeschehen; niemand weiß ja, welche Irrwege kulturelle Loyalitäten im Konfliktfall nehmen können. Man fragt sich nach den Voraussetzungen einer Gesellschaft und eines Staates, die dieser prinzipiellen Ungewißheit zum Trotz solche Prioritäten setzen.

          Die Diskussion, die nach den holländischen Turbulenzen hierzulande geführt wird, droht dagegen „Kulturen“ isoliert von der Umgebung zu betrachten, in die sie eingebettet sind und durch die sie sich verändern. Wie gefährlich eine solche Engführung ist, merkt man jetzt schon. Die nötige Beschäftigung mit den kriminellen und fundamentalistischen Problemzonen der multikulturellen Gesellschaft kommt in der Öffentlichkeit so an, als seien die fremden Kulturen selbst das Problem. Angela Merkel jedenfalls läßt offen, was sie meint, wenn sie die Idee der multikulturellen Gesellschaft für „dramatisch gescheitert“ erklärt. Kann man sich etwa auch gegen ein Zusammenleben der Kulturen entscheiden?

          Kein fester Boden

          Der feste Boden, den der Kultur-Diskurs verheißt, ist illusorisch. Noch nicht einmal der als Kern allen Unbehagens identifizierte Begriff der „Parallelgesellschaft“ ist eindeutig. Bei uns werden Parallelgesellschaften als Bedrohung empfunden, weil sie sich der Kontrolle durch die deutsche Sprache, Debatte und Polizei zu entziehen scheinen und deshalb eine Brutstätte aggressiver, möglicherweise gewalttätiger Gruppen sein können. In Toronto dagegen werden die chinesischen, indischen, italienischen und anderen Viertel, in denen ein gut Teil der Einwanderer wohnt, gerade als Stärke des kanadischen Systems, in dem jeder seiner Religion und Kultur gemäß leben könne, akzeptiert.

          Der Unterschied zu Deutschland ist offensichtlich: In Kanada sind die meisten Einwanderer in den Arbeitsmarkt integriert; sie werden jährlich in großer Zahl gezielt zur Belebung der Wirtschaft ins Land geholt. Im durchschnittlichen Mittel erreicht ein Einwanderer schon nach zehn Jahren das Einkommen eines Einheimischen. Dieser ökonomische Rahmen hat eine mentale Bedingung und Konsequenz: Ausländer werden von der kanadischen Gesellschaft als Gewinn für ihr eigenes Wohlergehen gewollt und gewünscht. Wie selbstverständlich gehört zur kanadischen Leitkultur die kulturelle Verschiedenheit.

          Fehlende ökonomische Verbindung

          Ohne ökonomische Integration dagegen tendieren alle Seiten dazu, sich auf die „Kultur“ zu konzentrieren. Die Immigranten, die keine Chance sehen, innerhalb der deutschen Gesellschaft eine gute Arbeit zu finden, ziehen sich in die Binnenwirtschaft ihrer Ethnien zurück und entwickeln oft erst in dem Maß, in dem sie sich zurückgewiesen fühlen, nachträglich eine entschiedene kulturelle „Identität“. Und auch die Deutschen versuchen die fehlende ökonomische Verbindung mit „Kultur“ zu kompensieren: entweder indem sie der Anwesenheit von Ausländern durch den abstrakten „Multikulti“-Begriff einen positiven Sinn zu geben versuchen oder indem sie alle Fehlentwicklungen auf kulturelle Verschiedenheit zurückführen und eine Stärkung des „Monokulto“-Konzepts fordern.

          Es ist schwer, inmitten einer Wirtschaftskrise ein gemeinsames gesellschaftliches, auch ökonomisches Projekt zu formulieren, das die Kulturen zu relativieren imstande ist. Doch ohne den Versuch wird die Beschwörung von „Kultur“ zur hilflosen Ersatzhandlung: Man macht sich Luft, ruft damit aber erst die Geister, die man bannen will.

          Kürzlich auf dem internationalen Flughafen von Toronto. Die Maschine am Flugsteig nebenan ging nach Tel Aviv. Sie schien ausgebucht zu sein, die Wartehalle war voll von jüdisch-orthodoxen Familien; Erwachsene wie Kinder lasen halblaut aus Gebetbüchern, die sie aufrecht vor sich hielten. Ein Hochsicherheitsflug ohne Zweifel, wie sich auch der abgeklärteste Passagier zu registrieren angewöhnt hat. Wer seinen Scherz mit der Gefahr treibt, muß mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen, stand auf einem Hinweisschild. Um so verblüffender dann der Moment der Sicherheitskontrolle: Alle Frauen, die die Durchleuchtung des Gepäcks überprüften, trugen Kopftuch. Zu sagen, Juden übergäben ihr Schicksal hier in die Hände von Muslimen, würde allerdings den Charakter des Vorgangs verfehlen. Obwohl beide Gruppen ihre kulturelle Identität mit ihrer Kleidung durchaus eindeutig demonstrierten, war die kulturelle Verschiedenheit doch in der funktionalen Differenzierung aufgehoben. Die Schärfe der Kontrolle ließ alles hinter sich, was von deutschen Flughäfen gewohnt ist.

          Gleichwohl bleibt Erstaunen, wenn nicht Beunruhigung angesichts dieses Vertrauens in die Fähigkeit zur kulturellen Selbstrelativierung, das der kanadische Staat da seinen Bürgern auch in einem so hochsensiblen Bereich entgegenbringt. Auch Kanada ist keine Insel im Weltgeschehen; niemand weiß ja, welche Irrwege kulturelle Loyalitäten im Konfliktfall nehmen können. Man fragt sich nach den Voraussetzungen einer Gesellschaft und eines Staates, die dieser prinzipiellen Ungewißheit zum Trotz solche Prioritäten setzen.

          Die Diskussion, die nach den holländischen Turbulenzen hierzulande geführt wird, droht dagegen "Kulturen" isoliert von der Umgebung zu betrachten, in die sie eingebettet sind und durch die sie sich verändern. Wie gefährlich eine solche Engführung ist, merkt man jetzt schon. Die nötige Beschäftigung mit den kriminellen und fundamentalistischen Problemzonen der multikulturellen Gesellschaft kommt in der Öffentlichkeit so an, als seien die fremden Kulturen selbst das Problem. Angela Merkel jedenfalls läßt offen, was sie meint, wenn sie die Idee der multikulturellen Gesellschaft für "dramatisch gescheitert" erklärt. Kann man sich etwa auch gegen ein Zusammenleben der Kulturen entscheiden?

          Der feste Boden, den der Kultur-Diskurs verheißt, ist illusorisch. Noch nicht einmal der als Kern allen Unbehagens identifizierte Begriff der "Parallelgesellschaft" ist eindeutig. Bei uns werden Parallelgesellschaften als Bedrohung empfunden, weil sie sich der Kontrolle durch die deutsche Sprache, Debatte und Polizei zu entziehen scheinen und deshalb eine Brutstätte aggressiver, möglicherweise gewalttätiger Gruppen sein können. In Toronto dagegen werden die chinesischen, indischen, italienischen und anderen Viertel, in denen ein gut Teil der Einwanderer wohnt, gerade als Stärke des kanadischen Systems, in dem jeder seiner Religion und Kultur gemäß leben könne, akzeptiert.

          Der Unterschied zu Deutschland ist offensichtlich: In Kanada sind die meisten Einwanderer in den Arbeitsmarkt integriert; sie werden jährlich in großer Zahl gezielt zur Belebung der Wirtschaft ins Land geholt. Im durchschnittlichen Mittel erreicht ein Einwanderer schon nach zehn Jahren das Einkommen eines Einheimischen. Dieser ökonomische Rahmen hat eine mentale Bedingung und Konsequenz: Ausländer werden von der kanadischen Gesellschaft als Gewinn für ihr eigenes Wohlergehen gewollt und gewünscht. Wie selbstverständlich gehört zur kanadischen Leitkultur die kulturelle Verschiedenheit.

          Ohne ökonomische Integration dagegen tendieren alle Seiten dazu, sich auf die "Kultur" zu konzentrieren. Die Immigranten, die keine Chance sehen, innerhalb der deutschen Gesellschaft eine gute Arbeit zu finden, ziehen sich in die Binnenwirtschaft ihrer Ethnien zurück und entwickeln oft erst in dem Maß, in dem sie sich zurückgewiesen fühlen, nachträglich eine entschiedene kulturelle "Identität". Und auch die Deutschen versuchen die fehlende ökonomische Verbindung mit "Kultur" zu kompensieren: entweder indem sie der Anwesenheit von Ausländern durch den abstrakten "Multikulti"-Begriff einen positiven Sinn zu geben versuchen oder indem sie alle Fehlentwicklungen auf kulturelle Verschiedenheit zurückführen und eine Stärkung des "Monokulto"-Konzepts fordern.

          Es ist schwer, inmitten einer Wirtschaftskrise ein gemeinsames gesellschaftliches, auch ökonomisches Projekt zu formulieren, das die Kulturen zu relativieren imstande ist. Doch ohne den Versuch wird die Beschwörung von "Kultur" zur hilflosen Ersatzhandlung: Man macht sich Luft, ruft damit aber erst die Geister, die man bannen will.

          MARK SIEMONS

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