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Multikulturalismus : Europas Lebenslüge

  • -Aktualisiert am

Der Sarg des ermordeten Theo van Gogh Bild: dpa/dpaweb

Die multikulturelle Gesellschaft ist mit dem Mord an Theo van Gogh nicht nur in Holland kollabiert. Auf dem ganzen Kontinent wird im Umgang der Religionen und Bevölkerungsgruppen nichts mehr so sein wie zuvor.

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          Der tödliche Terroranschlag eines muslimischen Fundamentalisten auf den niederländischen Regisseur Theo van Gogh hat nun zu den Ausschreitungen und Gewalttaten geführt, die viele, auch in der niederländischen Regierung, gleich nach der Tat befürchtet hatten. Eine Moschee im friesischen Heerenveen wird angezündet, eine Koranschule im Brabanter Uden brennt ab - an der Wand die zynische Sprühschrift "Theo, ruhe sanft". Aber auch Kirchen werden attackiert. Am Mittwoch morgen geriet die Polizei im Haager Stadtviertel Laakkwartier beim Räumen einer verdächtigen Wohnung unter Granatbeschuß; Militär mußte eingesetzt werden, der Luftraum wurde gesperrt.

          Das alles riecht nach einer Vorstufe von Bürgerkrieg, und Ministerpräsident Balkenende spürt das sehr genau, wenn er seine Landsleute verzweifelt dazu aufruft, "kühlen Kopf zu bewahren". Und doch hat erst die Eskalation dieser Tage dazu beigetragen, die Lebenslügen des europäischen - nicht nur des niederländischen - Multikulturalismus an die Oberfläche zu bringen. Nichts wird jetzt im Umgang der Religionen und Bevölkerungsgruppen mehr so sein wie zuvor.

          Der Mord an Fortuyn wurde verharmlost

          Man kann natürlich die Fatwa an van Gogh auch in bewährter Manier als Tat eines einsamen Fanatikers verharmlosen - so geschehen beim Mord an Pim Fortuyn durch einen rächenden Veganer. Doch bereits damals mußte jeder zur tristen Analyse kommen, daß hier ein Politiker sein Leben verlor, weil er die Tabus des Multikulturalismus überhaupt nur ausgesprochen hatte.

          Der bekennende Homosexuelle Fortuyn bekannte lachend, er habe nichts gegen Muslime: "Ich gehe sogar mit denen ins Bett." Damit war dem Rassismus die Spitze genommen, und es ging nur mehr um die lange tolerierte Verletzung demokratischer Regeln - Frauenrechte, Trennung von Staat und Kirche, Gewaltmonopol, Haßpredigten in Gotteshäusern. Diese Dunkelsphäre zu benennen, gar einen Film mit sexistischen und gewaltverherrlichenden Koranpassagen zu drehen hat nach Fortuyn jetzt auch van Gogh das Leben gekostet.

          Todesdrohungen gegen Politikerin

          Van Goghs Mitarbeiterin, die liberale Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali, wird, wie sie schrieb, von Schuldgefühlen geplagt, weil sie die Anregung zum Kurzfilm "Submission" gab. Doch sollte sie bloß nicht Opfer und Täter verwechseln. Noch am Tag des Mordes wurde Hirsi Ali in ihrer schwerbewachten und vermeintlich geheimen Wohnung aufs neue von Islamisten mit dem Tode bedroht. Wie in einer Dritte-Welt-Diktatur muß sich diese Menschenrechtlerin und Volksvertreterin inmitten einer offenen Gesellschaft als gehetztes Wild vor tödlicher Rache verstecken.

          Darum helfen hier die Abwiegelungen nicht mehr, man habe es unter der Million niederländischer Muslime nur mit fünf Prozent potentiellen Gewalttätern zu tun. Das sind fünfzigtausend offenbar gewaltbereite Nachbarn, gut eingebettet und geschützt durch Ehrenkodex und Sippentreue - ein Albtraum für Geheimdienste und Sicherheitskräfte, die auch noch bekennen mußten, daß bei der Überwachung der islamistischen Zelle des Van-Gogh-Mörders den Straftätern geheime Polizeiakten von einem Verbindungsmann in den Briefkasten geworfen wurden.

          Der gefährlichste Feind

          Angesichts solcher Machtlosigkeit im Land der ganz besonderen Toleranz nimmt die grimmige Wut nicht wunder, mit der plötzlich linke Intellektuelle, aber auch der liberale Fraktionsvorsitzende Jozias van Aartsen die Gefahr beschreiben: Man habe seit 1940 keinem ähnlich gefährlichen Feind des Zusammenlebens mehr gegenübergestanden. Der französische Superminister und Präsidentschaftsanwärter Sarkozy nimmt den Ball auf, wenn er nun lauthals Hunderte rechtsfreie Räume inmitten des laizistischen Staates beklagt - Orte, an denen nicht der Code civil, sondern die Scharia gilt. Sarkozy fordert als erste Maßnahme eine konsequent französische Mullah-Ausbildung, die ihre Absolventen auf Respekt vor dem Rechtsstaat trimmt.

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