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Münteferings Erziehungstipps : Was auf den Tisch kommt

Franz Müntefering hat den Hunger der ersten Nachkriegsjahre durchgemacht: Die Mutter gab ihm Lebensmittelmarken; in der Schule ließen britische Wohltäter „Quäkerspeisen“ ausgeben. Bild: dpa

Aus bescheidenen Verhältnissen muss man das Beste machen: Wenn Franz Müntefering Erziehungsratschläge gibt, dann nicht als ehemaliger SPD-Vorsitzender, sondern mit dem Vorrecht des Erfahrenen. Manch einem ist das zu wenig.

          Welche Art von Autorität verleiht das Alter? Wenn der neunundsiebzigjährige Franz Müntefering Erziehungsratschläge gibt, interveniert er nicht als ehemaliger SPD-Vorsitzender, sondern mit dem Recht des lebenszeitlichen Erfahrungsvorsprungs. Bei einer Berliner Familie, erzählte er jetzt beim Katholischen Bildungswerk in Köln, wo er über sein Buch „Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit“ sprach, erlebte er neulich, dass dem Sohn ein Bildschirm auf den Abendbrottisch gestellt wurde, weil das Kind anderenfalls keinen Bissen anzurühren bereit war. Der verdutzte Gast empfahl den Eltern, das Gerät versuchsweise zu entfernen und zu „gucken, ob er nicht doch Kohldampf kriegt“.

          Die Prägnanz des ersatzgroßväterlichen Rats liegt im Vokabular. Kohldampf: ein so plastischer wie anachronistischer Ausdruck. In einem der reichsten Länder der Erde wird vorausgesetzt, dass niemand mehr Kohldampf schieben muss. Als Erika Fuchs 1955 der Dagobert-Duck-Geschichte über den verrückten Professor, der auf einer einsamen Insel geruchslosen Kohl züchtet, den Titel „Die Kohldampfinsel“ gab, hatte diese Wortwahl wohl schon das Aroma glücklich überwundener, im Nachgeschmack fast pittoresker Entbehrungen.

          Mischung von Strenge und Mildtätigkeit

          Franz Müntefering hat den Hunger der ersten Nachkriegsjahre durchgemacht. Die Mutter gab ihm Lebensmittelmarken; in der Schule ließen britische Wohltäter „Quäkerspeisen“ ausgeben, Grießbrei mit und ohne Rosinen. Wenn er jetzt von Kohldampf spricht, ist gesagt, dass heutige Kinder es leichter haben – und es schwingt mit, dass man es ihnen nicht zu schwer machen darf. Die Mischung von Strenge und Mildtätigkeit hat Müntefering von den Quäkern übernommen. Das Markante der Formulierung, die das Zeug zum Merksatz hat, zieht zugleich die Grenzen der Anwendbarkeit der Lektion, die mit einem Zeitindex versehen wird. Die Volkstümlichkeit von Münteferings Redeweise ist das Gegenteil von aufdringlich. Der sauerländische Zungenschlag, den er im Unterschied zum fünfzehn Jahre jüngeren Friedrich Merz kultiviert, verstärkt den Effekt eingebauter Distanz.

          Bei der Brotverteilung lernte der kleine Franz, dass er sich weder zu früh noch zu spät anstellen durfte; am Anfang war das Brot zu weich, am Ende zu hart. Wenn es Grießbrei mit Einlage gab, ließen die Großen die Kleinen vor, weil die Rosinen sich unten sammelten. Doch Piepers Else, dreizehn Jahre älter als Franz, langte für ihn tief in den Topf. Aus bescheidenen Verhältnissen muss man das Beste machen, mit List und Verbündeten: Mit dieser impliziten Maxime harmonierten Münteferings Ausführungen zur Verteilungsgerechtigkeit. Seine Partei sei leider zu klein, um ihren Willen zum Gesetz zu machen.

          Der letzten Zuhörerin, die sich zu Wort meldete, war das zu wenig: Die Tipps des Autors für seine Altersgenossen, sich durch „Laufen, Lernen und Lachen“ die Selbständigkeit zu erhalten, seien gut und schön, aber keine Hilfe in der Not der Altersarmut. Müntefering widersprach nicht, schien von Melancholie eingeholt. Da nahm er sein Buch in die Hand, um den Schluss vorzulesen, seine Rezepte eines solidarischen Lebens. Er wollte damit niemanden belehren, es sei denn sich selbst: zeigen, dass er in eigener Sache spricht. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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