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Münchner Konzertsaal : Hinter den Gleisen

Das Gleisfeld als psychologische Barriere: Werden die MÜnchner Musikliebhaber den Weg ins Werksviertel finden? Bild: Steidle Architekten

München bekommt ein unsichtbares Konzerthaus.

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          Vom Wiener Konzerthaus zum Wiener Musikverein geht man sechs Minuten zu Fuß. Obwohl im jüngeren der beiden weltberühmten Konzertsäle Wiens Musiker wie beispielsweise morgen Iván Fischer und András Schiff auftreten, ist das Konzerthaus „bis heute nicht wirklich in die Stadt integriert“. Das sagte Karsten Witt, der ehemalige Generalsekretär der Konzerthaus-Gesellschaft. Die Integration lässt jetzt schon 102 Jahre auf sich warten. Der Grund: Der Musikverein liegt im ersten Bezirk, das Konzerthaus im dritten. Witt äußerte sich am 24. November im „Werksviertel“ hinter dem Münchner Ostbahnhof, wo für die Idee geworben wurde, dort zwischen Kellerlokalen mit Jazzschuppenpotential den von Ministerpräsident Horst Seehofer versprochenen Konzertsaal zu errichten. Diese Idee hat sich die Staatsregierung gestern zu eigen gemacht. Auf einem Grundstück im Eigentum von Werner Eckart, dessen Familie dort früher die Pfanni-Werke betrieb, will der Freistaat ein Konzerthaus mit zwei Sälen von 1800 und 300 Plätzen bauen, das Ende 2021 fertiggestellt sein soll.

          Als Kunstminister Ludwig Spaenle den Kabinettsbeschluss gestern vor der Presse erläuterte, war von der Lage des Werksviertels nicht die Rede. Das Gutachten des Architekturbüros Speer stuft die Erreichbarkeit als sehr gut ein. Doch das ist eine technische Bewertung, eine Umrechnung der Zahl der am Ostbahnhof haltenden S-Bahnen und Regionalzüge. Die Kürze der Wege darf man nicht nur in Metern messen. Ein Haus der Künste braucht ein Entree, muss von weitem schon einladend aussehen. In Wien liegt zwischen dem Konzerthaus und dem inneren Teil der Inneren Stadt eine psychologische Barriere. In München wird das Pfanni-Gelände durch das Gleisfeld des Ostbahnhofs buchstäblich von der Stadt abgeschnitten. Es gibt keinen städtebaulichen Zusammenhang, den man erleben oder auch nur bemerken könnte.

          Man hätte ein einmaliges Industriedenkmal retten können

          Wenn man vor dem Ostbahnhof steht, ahnt man nicht, dass das Werksviertel existiert. Daran wird sich durch den Bau des Konzerthauses nichts ändern; denn wie das Gutachten feststellt, wird der Neubau nur von der Straße aus zu sehen sein, die ins Viertel hineinführt. Mit der Entscheidung gegen die ebenfalls nahe an der S-Bahn gelegene Paketposthalle westlich des Hauptbahnhofs hat man die Option eines Baus mit Fernwirkung verworfen.

          Bei der Werbeveranstaltung im Pfanni-Areal vor zwei Wochen meldete sich eine Zuhörerin zu Wort, die sich als typische Abonnentin vorstellte. Ihr Kommentar zu den auf dem Podium ausgemalten Visionen eines synergetischen Musiknachtlebens: „Ich gehe ungern in der Dunkelheit durch einen langen Tunnel.“ Der frühere Finanzminister Kurt Faltlhauser vom Verein der Konzertsaalfreunde nannte die Zugänge „noch ziemlich erbärmlich“. Von Verhandlungen mit der Bahn, etwa über den Bau einer Fußgängerbrücke, sagte Spaenle auf der Pressekonferenz nichts.

          Die denkmalgerechte Sanierung der Paketposthallenhülle wäre dem Minister zufolge deutlich teurer als der Erbpachtvertrag mit Eckart; im Westen könnte man mit dem Bau erst später beginnen. Dass man ein einmaliges Industriedenkmal, die weiland größte freitragende Betonfertigteilhalle der Welt, hätte retten können, fiel offenbar nicht ins Gewicht. Allein mit Geldsparen und Zeitgewinn will aber selbst die Regierung Seehofer die Entscheidung für ein unsichtbares Konzerthaus im urbanen Niemandsland nicht begründen. Daher beschwört man die Chancen der Nachbarschaft mit „Ateliers für junge Künstler und Musiker“ und Büros für die „digitale Gründerszene“. Laut Spaenle kann man „ein Kreativquartier schaffen, wie wir es europaweit in dieser Form nicht haben“. Andersherum gesagt: Es gibt in Europa noch keine Beispiele dafür, dass Orchestermusiker und Digitalpioniere von einem mit den Steuerungsinstrumenten des Immobilienmarktes herbeigeführten Crossover wirklich etwas haben.

          Was heißt das? Spaenle: „Das heißt, es wird ein Steilflug möglich sein – und zwar nach oben.“ Die Ergänzung ist wichtig, denn allem Anschein nach soll der Konzertsaal ohne Pilot abheben. Die eigentliche Überraschung der Pressekonferenz: Vom „Intendantenmodell“ für den Konzerthausbetrieb nimmt die Staatsregierung jetzt schon Abstand. Davon werde ihr „abgeraten“. Von wem? Was spricht gegen einen Intendanten, also einen Leiter, der nicht nur gemäß Nachfrage vermietet? Der Bedarf des Bayerischen Rundfunks, den Spaenle auf dreißig Prozent der Abendtermine bezifferte, und die „starke privat getragene Konzertlandschaft in München“. Die Gipfelregion dieser Landschaft wird von einem Quasi-Monopolisten getragen, Andreas Schessl, der am 24. November ebenfalls auf dem Podium saß. Wenn das Konzerthaus nicht selbst als Veranstalter agieren darf, steht das Zusammenspiel von Musikern aller Fakultäten nur auf dem Papier der Immobilienprospekte.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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