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Haus der Kunst in München : Sollen die Nazis das letzte Wort aus Stein haben?

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Umfangreiche Nachpflanzungen von Alleen und öffentlichem Grün fanden in der Münchner Innenstadt im Vorfeld des achthundertsten Stadtjubiläums 1958 und wenig später statt, um zerstörte stadträumliche Strukturen mit Gehölzen nachzubilden und wiederherzustellen – eine bisher kaum erkannte, geschweige denn gewürdigte Wiederaufbauleistung im Bereich des öffentlichen Grüns. In diesem Kontext erfolgte Ende der fünfziger Jahre auch an der Prinzregentenstraße eine Nachpflanzung von Ahornen. Sie wurden durch Linden ersetzt, als 1972 mit der Anlage des Altstadtrings und des Tunnels ausgerechnet dieser neuralgische Punkt der Münchner Stadttopographie zur zweigeschossigen Kreuzung des vier- bis sechsspurigen Autoverkehrs wurde.

Sakral überhöhte Weißwurstallee: Professor Gall, Adolf Hitler und Albert Speer begutachten den Baufortschritt.
Sakral überhöhte Weißwurstallee: Professor Gall, Adolf Hitler und Albert Speer begutachten den Baufortschritt. : Bild: Picture-Alliance

Dass bei der Nachpflanzung der Baumreihe vor dem Haus der Kunst und der Bäume gegenüber der Gedanke mitgespielt habe, das Haus kaschieren zu wollen, wie Chipperfield behauptet, ist nicht nachzuweisen. Jedermann kann dagegen sehen, dass sie einen wichtigen durchgehenden Grünzug Münchens wiederherstellte, der heute im geltenden Flächennutzungsplan mit integriertem Landschaftsplan als verbindlich eingetragen ist. Die Fassade hinter Bäumen hat in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu künstlerischen Interventionen etwa von Paul MacCarthy (2005) oder Ai Weiwei (2009/10) herausgefordert. Mit dem Tunnelkrater vor der Nase, dessen Existenz Chipperfields bisher bekanntgewordene Visualisierungen übrigens komplett ignorieren, wird das Haus der Kunst bis auf weiteres existieren müssen. Die mittlerweile herangewachsenen Bäume verbergen zwar das Gebäude, schützen aber auch vor dem Anblick des Tunnels. Ohne sie würde die Aggressivität des sechsspurigen Verkehrs in eine optisch ebenso wie akustisch unangenehme Wechselwirkung mit der monumentalen Fassade des NS-Kunsttempels treten.

Schwelle zur modernen Metropole

Die NS-Architektur wollte gemäß einer bekannten Propagandalosung „Wort aus Stein“ sein. Lässt sich in der nationalsozialistischen Selbstdarstellung eine neobarocke Tendenz erkennen, die historische barocke Gartenanlagen instrumentalisierte, so ist zugleich eine eklatante Missachtung der NS-Machthaber für öffentliches Grün und historische Gärten deutlich.

Der Englische Garten ist ein historisches Gartendenkmal von herausragender internationaler Bedeutung. Auf Anregung des Grafen Rumford und im Auftrag des Kurfürsten Karl Theodor entstand dieser erste öffentliche Volkspark seit 1789. Der Gartenkünstler und Stadtplaner Friedrich Ludwig von Sckell schuf ihn als „großen Garten der Natur“, der auf einen Schlossbau als visuellen Bezugspunkt programmatisch verzichtete. Hier soll die lustwandelnde Münchner Stadtbevölkerung durch den Anblick idealisierter Bilder der schönen Natur Erholung finden. Der Englische Garten ist eine ideale, komplementäre Ergänzung zur Stadt, der natürliche Park ein geradezu visionäres Gegenkonzept zur steinernen Innenstadt.

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