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Haus der Kunst in München : Sollen die Nazis das letzte Wort aus Stein haben?

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Von der Vegetation erhoffte man sich nach 1945 auch in München so etwas wie eine natürliche Entnazifizierung. Der Vergleich mit Troosts Parteigebäuden am Königsplatz ist aufschlussreich. So wurden die Sockel der 1947 gesprengten „Ehrentempel“, NS-Kultort für die „Märtyrer der Bewegung“ von 1923, Ende der fünfziger Jahre bepflanzt. Der mittlerweile überwucherte südliche Ehrentempelsockel ist in der Schutzliste städtischer Grünflächen als Biotop verzeichnet. Der nördliche wurde 2015 als architektonisches „Exponat“ in das Konzept des NS-Dokumentationszentrums einbezogen, seine Bepflanzung wird seither kurzgehalten. Beide stehen unter Denkmalschutz und einer von ihnen auch unter Naturschutz: So erklärt sich ihr heutiges, unterschiedliches Erscheinungsbild.

Schnell wachsende Pyramidenpappeln wollte man 1946 vor die Fassaden der Parteigebäude pflanzen, um sie der öffentlichen Wahrnehmung zu entziehen – ein Vorschlag, der nicht ausgeführt wurde. 1990 hingegen, kurz nach der Wiederbegrünung des Königsplatzes, erfolgte eine Bepflanzung der ehemaligen Parteigebäude durch Wilden Wein, um die unbequemen Baudenkmale zu verhüllen. An der Musikhochschule ging er ein, am Haus der Kulturinstitute gedieh er so prächtig, dass das Gebäude zuletzt aussah wie ein Märchenschloss. Im Zuge einer umfassenden Bausanierung 2016 musste das Gewächs dran glauben. Den Wilden Wein am Haus der Kunst hatte schon Chris Dercon, Direktor von 2003 bis 2011, entfernen lassen. In beiden Fällen blieben öffentliche Reaktionen aus.

Das „Haus der deutschen Kunst“ im Englischen Garten in einer Montage der Zustände 1830 und 1938.
Das „Haus der deutschen Kunst“ im Englischen Garten in einer Montage der Zustände 1830 und 1938. : Bild: Rainer Herzog/Michael Degle

Bei den Bäumen vor dem Haus der Kunst handelt es sich dagegen nicht um „Bäume der Scham“. Diese suggestive Formulierung Chipperfields führt in die Irre, wie die Betrachtung des stadträumlichen Zusammenhangs erweist. Am Übergang vom Hofgarten zum Englischen Garten lädt noch heute die Skulptur des vom Volksmund sogenannten „Harmlos“ zum Spaziergang im Park ein: „Harmlos wandelt hier. Dann kehret neu gestärkt zu jeder Pflicht zurück.“ Das klassizistische Prinz-Carl-Palais, heute für die Repräsentation der Bayerischen Staatsregierung genutzt, ist der Blickpunkt der 1901 eröffneten Prinzregentenstraße, an die das südliche Ende des Englischen Gartens angrenzte. Die Bepflanzung dieser Prachtstraße mit Alleebäumen auf beiden Seiten bildete einen neuen, städtebaulich signifikanten Münchner Grünzug in Ost-West-Richtung, der sich, vorbei am Friedensengel, bis zum Prinzregententheater fortsetzt.

Kaschieren nicht nachzuweisen

Troosts erste Entwürfe für das „Haus der deutschen Kunst“ sahen noch vor, dass die Säulen der Straßenfassade in eine Reihe mit den Alleebäumen zurücktreten sollten; dass das Haus zur Straße hin freigestellt wurde, geht auf Hitlers Anweisungen zurück. Zur Kolonnade – der „Weißwurstallee“ – führte ein Stufensockel hinauf, der bei den Festzügen der Jahre seit 1937 als Zuschauertribüne diente. Die platzartig erweiterte Straßensituation lud in den sakral überhöhten nationalsozialistischen „Kunsttempel“ mit seinen propagandistischen „Großen deutschen Kunstausstellungen“ ein. Das gegenüber als Pendant geplante „Haus der Architektur“ wurde nicht realisiert.

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