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München gräbt : Was wurde im „Braunen Haus“ gefunden?

Quasi im Vorgarten der heutigen Musikhochschule: die Reste des „Braunen Hauses” Bild: F.A.Z.-Foto Jan Roeder

Als das Gebäude im Januar 1931 zum „Parteiheim“ der NSDAP wurde, spottete die zeitgenössische Presse über das „Palais Größenwahn“ in München. Jetzt sind davon nur noch Kellermauern übrig, aber auch die haben ihre Geschichte. Und womöglich ihr Geheimnis.

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          Ende Juni begann in der Briennerstraße 45 die Baufeldfreimachung. Ein sehr deutsches Wort, das nichts anderes besagt, als daß alles abgeräumt wird, was einem künftigen Neubau im Weg steht. Denn spätestens in fünf Jahren soll an dieser prominenten Stelle Münchens die Einweihung des NS-Dokumentationszentrums vonstatten gehen, mit dem die Stadt dann endlich eine der früheren „Hauptstadt der Bewegung“ angemessene Gedenkstätte haben soll. Aber der Weg dahin war steinig, und er ist es immer noch. Schon im Jahr 1988 hatte der Münchner Stadtrat für die Einrichtung eines „Hauses für Zeitgeschichte“ gestimmt, die Verhandlungen mit dem Land Bayern aber zogen sich hin. Erst seit die CSU im vergangenen Jahr beschloß, der Stadt das Grundstück zur Verfügung zu stellen, nimmt der Plan Formen an.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Aber bevor es „eine zukunftsorientierte politisch-historische Bildungsarbeit an authentischem Ort“ geben kann, wie es in der „Rathaus-Umschau“ der Stadt München heißt, müssen die Reste des Vergangenheit archäologisch ordnungsgemäß gesichtet werden. Alles Routine? Ein ganz normaler Fall eines Bodendenkmals sind die Reste des früheren Palais Barlow nun gerade nicht, befand sich doch darin von 1930 an die Parteizentrale der NSDAP. „Was aber die Bewegung braucht, ist ein Heim“, befand Adolf Hitler, und hier fand er dieses Heim, jedenfalls vorübergehend. Vom Volksmund schnell „Braunes Haus“ getauft, bevorzugte der „Führer“ die Bezeichnung „Parteiheim“, als er im Januar 1931 mit seinen sechsundfünfzig Angestellten von der Schellingstraße in die vornehme Ecke der Maxvorstadt umzog. Die zeitgenössische Presse spottete über das mit fünfhundert Quadratmeter Grundfläche durchaus üppig dimensionierte „Palais Größenwahn“.

          Nach dem Krieg wuchs Gras über die Sache. Viel Gras

          Erbaut in den Jahren 1828/29, hatte der königliche Hofbaurat Jean Baptiste Métivier zunächst auf einen schnellen Spekulationsgewinn gesetzt - König Ludwig I. hatte Zuschüsse für die Bebauung der neuen Prachtstraßen ausgelobt. Nach mehreren Besitzerwechseln und Umbaumaßnahmen gelangte das Haus 1877 in den Besitz eines englischen Industriellen namens Willy Barlow. Dessen Witwe verkaufte die Liegenschaft für stattliche 805.864 Goldmark an die NSDAP. Der Architekt Paul Ludwig Troost, von Hitler zum „Ersten Baumeister des Führers“ ernannt, plante den Umbau des klassizistischen Palais sowie den Anbau einer Karthothek an der Nordseite. Hitler saß wie sein Stellvertreter Heß im ersten Stock, die Reichspressestelle war im zweiten, die Reichsführung SS und das Parteizentralarchiv waren im dritten Obergeschoß untergebracht.

          1937 zog Hitler ins neue Parteizentrum am Königsplatz. Nach zwei Bombenvolltreffern zerfiel das „Braune Haus“. In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die Ruine gründlich geplündert; alles Brauchbare, bis hin zu Wandfliesen und Holzpaneele, wurde herausgerissen. Es begann Gras über die Geschichte zu wachsen. Und zwar soviel Gras, daß nicht einmal bekannt war, ob noch eine Kellerdecke vorhanden war. Das ist insofern irritierend, als man aufgrund von Bauplänen davon ausgehen mußte, daß der Keller zum Luftschutzbunker mit Verbindungsgängen zu Nachbargebäuden ausgebaut wurde.

          Ein Folterkeller? Ein arisches Saunastüberl?

          Kein Nazi-Keller ohne Geheimnis? Ein Gerücht geht um von einem Fund, den keiner haben wolle. Bei einem Lokalaugenschein haben sich diese Woche mehrere Herren versammelt. Die Zuständigkeiten sind auf mehrere Schultern verteilt. Für das bayerische Kultusministerium und die Stadt München hat die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Person von Direktor Peter März die Koordination übernommen. Vom Landesamt für Denkmalpflege kommt Walter Irlinger, Grabungsleiter ist Christian Behrer aus Regensburg. Der Hausherr des Geländes, Musikhochschul-Kanzler Alexander Krause, will sich lieber nicht äußern, läßt er am Telefon wissen. Er zeigt sich an diesem Vormittag auch nicht an der Grabungsstelle.

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