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Mozartjahr : Wie der Biß auf eine Mozartkugel

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Nur Hostien wurden mehr verzehrt: Mozartkugel
          9 Min.

          Eineinhalb Milliarden Mozartkugeln nach etwa dreißig verschiedenen Rezepten sollen bis heute produziert und gegessen worden sein, was wohl nur übertroffen wird von der Zahl der Hostien, die von katholischen Priestern ihren Gläubigen seit der Erfindung der Mozartkugel auf die Zunge oder in die Hand gelegt worden sind. Doch nicht um die Zahlen geht es, sondern um die einerseits in theologischen Begriffen verhüllte und andererseits einfach verkaufsfördernde Begierde, sich das einzuverleiben, was man für göttlich hält. Denn Mozart ist mehr als der „Weltmeister“ aller Komponisten, wie es definitiv der Pianist Friedrich Gulda einmal konstatierte. Nur Mozarts Musik finden wir „übermenschlich schön“, „seligmachend“ und „tröstlich“. Wenn der Papst feststellt, daß „Mozart schön ist, wie die Schöpfung schön ist“, dann wird ihn niemand der Blasphemie bezichtigen oder gar unterstellen wollen, er mißbrauche die Universalität seines Amts, um einen Giganten der (im historischen Sinn) deutschen Kultur ins nachhaltige Licht einer religiösen Aura zu rücken. Selbst der „Spiegel“ dekretiert, ganz ohne Ironie, daß Mozart „das größte Geschenk ist, das die deutsche Kultur der Welt gemacht“ habe, und unterbietet dabei doch Wolfgang Hildesheimer, der Mozart „ein unverdientes Geschenk an die Menschheit“ schlechthin nannte.

          Auf Mozarts Musik angewandt, gehört das Wort „göttlich“ nicht zum Repertoire verbrauchten rhetorischen Pomps, sondern deutet auf eine Ahnung von Glück, die sich ohne weiteres einstellen kann, auch ohne musikalische Vorbildung und ohne die von Gedenkjahren vervielfachten Fingerzeige auf das Klassische. Pompös und eher kitschig wirken nur die Bemühungen zur interpretatorischen und inszenatorischen Aktualisierung, deren Mozarts Werke nicht bedürfen, weil ihre Schönheit bei aller Komplexität so einfach und arglos ist, wie wir uns den Himmel auf Erden wünschen. Eben diesen Effekt des göttlich Beglückenden zu durchdenken ist die intellektuelle Herausforderung von Mozarts Musik, welche das Gedenkjahr paradoxerweise deshalb noch steigert, weil die Qualität dieser Musik aller Gedenkjahresbeflissenheit spottet.

          Die Welt ist Brennstoff

          Sie spottet aber auch der Standardreaktion vieler musikalisch Gebildeter, die Mozart hintanstellen wollen, weil sich kein kulturelles Kapital daraus schlagen läßt, seine Musik - so wie das alle musikalisch Ungebildeten auch tun - zu lieben. Denn auf philosophische und also begrifflich auslotbare Tiefen wird man in ihr nicht stoßen, was erklärt, warum Mozarts Kurswert immer dann sank, wenn eine kulturelle Gegenwart - wie zum Beispiel das späte neunzehnte Jahrhundert - dazu neigte, der Musik zuzumuten, was sie nicht sein kann und sein soll: nämlich der Ausdruck von hehren oder, schlimmer noch, von bloß komplizierten Gedanken.

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