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Motivsuche nach Amoklauf : Die Seele des Bösen

Hier können nur noch Spuren gesichert, die monströse Tat jedoch nicht wirklich ergründet werden: Das Century 16 Kino in Aurora bei Denver Bild: dpa

Nach dem Kino-Massaker von Aurora sucht man nach den Beweggründen des Attentäters. Doch kann Motivforschung erklären wie jemand zum Mörder wird?

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          Im Stundentakt hieß es in den Nachrichtenportalen nach der Schießerei von Aurora: „Noch immer ist das Motiv des Kino-Mörders unklar.“. Oder: „Holmes schweigt über seine Motive.“ Doch was weiß man, wenn man das „Motiv“ des Täters kennt? Kann Motivforschung erklären, wie es zu den Wahnsinnstaten von Oslo oder Aurora kam?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Da wird eine Erwartung geweckt, als erschließe sich die Ursache der Tat, sobald man die Beweggründe vernimmt, die der Täter zu Protokoll gibt. Gemessen an der Monströsität des Geschehenen, dem Abknallen unschuldiger Menschen, tun „Motive“ aber nichts zur Sache. Sie machen die Ermordeten nicht wieder lebendig. Sie rechtfertigen nichts. Sie erklären nichts. Sie sind, nach so einer Tat, eine Zumutung. Man wartet nicht gespannt auf ihre Offenlegung. Man sagt vielmehr: Der Mann soll uns mit seinen Motiven vom Leib bleiben.

          Auch eine Krankheit kann die Tat oft nicht erklären

          Diese Intuition des gemeinen Mediennutzers spricht mit Gründen auch aus der forensischen Psychiatrie, die sich ja eigentlich qua Profession mit den Motiven der Täter befassen muss, um sich eine Meinung über den Umfang der Schuldfähigkeit machen und sie dem Gericht vermitteln zu können. Gerichtspsychiater stehen also durchaus unter dem Anspruch, erklären zu sollen, wie es zu einer Tat kam. Aber dieser Anspruch kann nur ein metaphorischer sein, wie Hans-Ludwig Kröber, Deutschlands bekanntester Gerichtspsychiater und Direktor des Instituts für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité, zu verstehen gibt. Selbst wenn man noch so viel über den Täter und die Umstände der Tat in Erfahrung bringt, weiß man im Grunde nicht, was die „Ursache“ des Verbrechens ist in dem Sinne, dass man die Enthemmung in den Mord hinein „verstanden“ hätte.

          Auch eine Krankheit des Täters vermag, für sich genommen, nicht dessen Tat zu erklären und verschiebt insoweit nur das erkenntnistheoretische Problem. „Die statistisch fassbaren Risikofaktoren geben in Wahrheit noch keinen Aufschluss darüber, wie es zu den rechtswidrigen Taten kommt“, schreibt Kröber in dem Aufsatz „Kann man die akute Gefährlichkeit schizophren Erkrankter erkennen?“. Um dann fortzufahren: „Die eigentliche Kausalbeziehung zwischen psychotischer Erkrankung und Tat bleibt oft erstaunlich unklar.“ Motive hin oder her.

          Die Tat bleibt im Kern verstörend

          Kröber beruft sich auf Vergleichsstudien zwischen straffällig gewordenen Schizophrenen und solchen, die keine Tat begangen haben, obwohl sie unter dem gleichen psychotischen Druck stehen, was etwa Bedrohtheitsgefühle, Verfolgungswahn, Überwältigungseindrücke angeht. Warum morden die einen und die anderen nicht? Hier gibt es keine klare kausale Kriteriologie. Das gilt auch für jenen Typ von Taten wie die von Breivik oder dem Kino-Mörder Holmes, die sorgfältig von langer Hand geplant werden und in ihrer Genese daher eine lineare Kausalität suggerieren. Aber in solcher Suggestion spricht sich nur eine Scheinevidenz aus, die den Hiatus zwischen Beweggründen und Tat nicht schließt. Kröber spricht von einem „relativ häufigen Typ des chronisch produktiven Schizophrenen, der besonnen und lange vorbereitet handelt, oft klug und geschickt vorgeht, den Erfolg seiner Aktion sicherstellen will“. Man darf sich von diesem Typus epistemisch nicht in die Irre führen lassen: Weder ist seine Zielgerichtetheit Ausweis von Gesundheit noch von einer geschlossenen Kausalität, die zu keinem Zeitpunkt mehr zu unterbrechen gewesen wäre.

          So gesehen, verbietet sich auch ein deterministisches Argumentieren mit der Genetik oder der Neurobiologie des Täters. Die diesbezüglichen naturalen Einschränkungen sind Bedingungen, aber keine sich selbst erklärenden Kausalitäten. Die Expertisen der Hirnforscher, ihre bildgebenden Verfahren, erhellen aus sich heraus noch nicht die Tat. Entsprechend führt ein normabweichender neurobiologischer Befund noch nicht dazu, dass der Gerichtspsychiater auf verminderte oder aufgehobene Schuldfähigkeit erkennt. Vielmehr kommt es im weiteren darauf an, „wie der Proband in seiner Persönlichkeitsentwicklung damit umgegangen ist“, stellt Kröber klar, der auch dem Kranken keinen Automatismus von Mordphantasie und mörderischer Tat unterstellt. Die Tat, wie nahe sie in der jeweiligen Konstellation gelegen haben mag, hat es demnach stets mit einer Erklärungslücke zu tun. Sie bleibt bei aller Aufhellung im Kern verstörend.

          Das ist auch die Quintessenz der neun „Geschichten aus der Wirklichkeit“, die Kröber demnächst unter dem Titel „Mord“ bei Rowohlt publiziert. Der Verlag verspricht einen „beklemmenden Einblick in die Seele des Bösen“. Damit wäre die Lücke zwischen dem Täter und seiner Tat metaphysisch gefüllt. Das Gericht muss sich mit weniger zufriedengeben als mit Geschichtsphilosophie, weil es ihm um etwas nicht minder Haariges geht: um die Herleitung des Strafmaßes aus den Motiven des Täters.

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