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Jagd nach NS-Verbrechern : Mal mit, mal ohne Lizenz zum Töten

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Nach der Ernennung von Meir Amit zum Mossad-Chef 1963 wurde indes die Suche nach NS-Verbrechern neu organisiert; sechs Personen wurden als Ziele ausgewählt. Außer dem KZ-Arzt Josef Mengele und seinem Assistenten Horst Schumann standen auf der Liste auch Alois Brunner, der lettische NS-Kollaborateur Herberts Cukurs sowie der Hitler-Vertraute Martin Bormann und der einstige Gestapo-Chef Heinrich Müller – dass die beiden Letzteren längst nicht mehr am Leben waren, erfuhren die Agenten zum Teil erst Jahre später.

Die Jagd nach NS-Verbrechern

Über die angemessene Vorgehensweise waren sich die Israelis damals nicht einig. Eine Wiederholung des Eichmann-Szenarios – Entführung und anschließender Prozess – wurde für nicht mehr machbar gehalten. Gegen Tötungen wiederum wurde das Argument vorgebracht, dass man mit dieser Methode der israelischen Jugend ein schlechtes Beispiel geben würde. Am Ende setzten sich die Hardliner durch. Schon 1965 wurde der Lette Herberts Cukurs von Mossad-Agenten in Uruguay eliminiert. Diese Operation, über die sich einige der beteiligten Agenten über die Jahre in Presseinterviews geäußert haben, wird in dem Bericht nur kurz erwähnt. Der Mossad als Organisation aber bekennt sich hier zum ersten Mal öffentlich zu dieser Tötungsaktion, die allerdings eine Ausnahme blieb: Alle späteren Pläne, weitere NS-Verbrecher zu töten, kamen nicht zur Ausführung.

Dass solche Pläne existierten, war immer wieder Gegenstand von Spekulationen. Nun wird aber manche Vermutung durch die neuen Erkenntnisse bestätigt. So hatten drei als Parasitologen getarnte Mossad-Agenten Ende 1965 das Urwaldgebiet nördlich der Stadt Accra in Ghana, wo der untergetauchte NS-Euthanasie-Arzt Horst Schumann als Mediziner praktizierte, ausgekundschaftet, um die Durchführbarkeit eines Attentats zu prüfen. Die drei Agenten, unter dem Kommando von Yossef Yariv (gestorben 1998), der schon die Liquidierung von Cukurus befehligt hatte, berichteten ihren Vorgesetzten, dass es dort nur sehr eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten gebe, weshalb der Plan dann aufgegeben wurde. Schumann wurde von Ghana schließlich nach Deutschland ausgeliefert, wo bekanntlich 1969 zwar Anklage gegen ihn erhoben, das Verfahren jedoch drei Jahre später wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt wurde. Er starb am 5. Mai 1983 in Frankfurt.

Der Umgang des Mossads mit SS-Männern

Eines natürlichen Todes starb ein Jahr später auch SS-Mann Walther Rauff, der an der Entwicklung und am Einsatz der „Gaswagen“ maßgeblich beteiligt gewesen war. Doch sein Ende hätte, wie sich jetzt herausstellt, anders ausgesehen, wenn der Plan des Mossad, ihn zu töten, nicht gescheitert wäre. Der israelische Geheimdienst, dem 1968 für fast ein Jahrzehnt von der politischen Führung in Sachen NS-Täter – außer im Fall Mengele – Zurückhaltung diktiert wurde, erhielt erst 1977 von der Regierung Menachem Begin wieder grünes Licht für Liquidierungen. Neben Klaus Barbie, der in Bolivien lebte, wurde jetzt auch Rauff als Ziel markiert. Erst Ende 1979 gelang es den Geheimdienstlern, Rauff in Santiago de Chile ausfindig zu machen, wo sich am 17. März 1980 in den Abendstunden zwei bewaffnete Agenten in der Nähe seines Hauses postierten. Doch weder an diesem noch am nächsten Abend konnten sie die Zielperson sichten. Und als eine Frau, die bei Rauff wohnte und unerwartet aus dem Haus kam, die Israelis in ihrem Versteck wahrscheinlich entdeckt hätte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sie anzusprechen. Doch die Chilenin begann die Männer gleich anzuschreien, Rauffs Hund fing laut an zu bellen. Die Agenten, die befürchteten, es bald auch mit der Nachbarschaft zu tun zu bekommen, entschieden sich, die Aktion abzubrechen, zumal sie für die eventuelle Liquidierung der Frau kein Mandat hatten. Nach diesem Misserfolg plante der Mossad zwar noch weitere Operationen gegen Rauff, keine aber wurde in die Tat umgesetzt. Auch eine Kampagne zu seiner Auslieferung scheiterte.

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