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Moskauer Millionärsmesse : Bitte wickeln Sie es in Blattgold ein

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Der Glanz des Ostens Bild: AP

Schmuckhandys für 6000 Euro und Goldnuckel für den Nachwuchs: Die Moskauer Millionärsmesse, bei der ganze Loireschlösser und Karibikinseln den Besitzer wechseln, zeigt Dekadenz auf höchstem Niveau. Ein Messerundgang.

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          Seine russischen Millionäre verteidigt Marcello Prospato bis zum letzten Blutstropfen. Ein Leben lang habe er gegen nationale Vorurteile gestritten, erklärt der aus San Remo stammende Gründer des Lifestyle-Management-Büros „Red Spot“ mit operntauglichem Mienenspiel. Er steht an seinem Stand auf der zum zweiten Mal stattfindenden Moskauer Millionärsmesse. Anlaß für Prospato, der sich als Lebenskunst-Assistent des amerikanischen Präsidenten und der englischen Königsfamilie empfiehlt und auch Finanzexzellenzen aus der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Südamerika und Norwegen betreut, vor drei Jahren auch in Moskau Anker zu werfen, war die Nachricht, daß ein westeuropäisches Hotel sich damals geweigert hatte, vermeintlich ungehobelte reiche Russen länger als Gäste aufzunehmen. Für einen Jahresbeitrag von zweieinhalbtausend, fünftausend oder fünfundzwanzigtausend Dollar wird man Mitglied in Marcellos Club und kann sich rund um die Uhr einen Hubschrauber auf Korsika, eine Villa in Genf, ein antiquarisches Geschenkbuch oder einen Schwimmtrainer für die Kinder organisieren lassen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Es sei seine gottgewollte Mission, die Wünsche der wohlhabenden Freunde zu erfüllen, bekennt Prospato glutvoll, während er dem Zeitungschronisten etwas Blattgold zum Espresso anbietet. Nebenan, wo die Deutsche Bank ihre Managementkünste für große russische Privatvermögen andient, stärkt man sich mit Heilbutt-Bambus-Röllchen und einem Langusten-Spargel-Cocktail, dem statt der üblichen Sauce eine Goldplättchenverzierung beigegeben ist. „Gold ist Vitamin B 12 für die Nerven“, erläutert der Italiener dem Ahnungslosen eine in seinen Kreisen offensichtliche Selbstverständlichkeit.

          Nobelschnuller aus Massivgold

          Auch die Augen des deutschen Luxusjuweliers Matthias Wintzer funkeln wie Demantoide - jene grünlichen, nur im Ural geförderten, das Licht noch stärker als Brillanten streuenden Edelsteine, die eines seiner Schmuckhandys übersäen. Ein solches Gerät kostet sechstausend Euro. Bei Wintzer, der sich über ein lebhaftes Messegeschäft freut, kann ein Mann von Geld und Geschmack außerdem für seinen Nachwuchs einen Nobelschnuller aus Massivgold für achttausend Euro erwerben nebst einer goldgefaßten Glasnuckelflasche. Ein schweigsamer Mulatte dreht unterdessen Ultra-Zigarren mit Feingolddeckblatt, für hundert Euro das Stück. Zu Dostojewskis Zeiten hätten reiche Russen Banknoten im Kamin verbrannt, kommentiert Wintzers Steinexperte, ein offenbar belesener Melancholiker, das Spitzenprodukt der Genußkultur; heute tupften sie eben Gold in ihren Aschenbecher.

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          Moskauer Millionärsmesse : Bitte wickeln Sie es in Blattgold ein

          Doch das ist ja nur Kindergartendekadenz. Auf der Millionärsmesse, die auf den Straßen zum Nobeleinkaufszentrum „Krokus Expo“ an der Moskauer Ringautobahn gewaltige Staus anschwellen läßt, wechseln auch ganze Loireschlösser und Karibikinseln den Besitzer. Ein Schweizer Massivgoldhandy mit brillantenbesetzten Tasten kostet eine Million Dollar, ein französisches Parfum im Flakon mit schwarzen Diamanten immerhin noch deren fünfzigtausend. Neben Tuning-Superautos, Schneemobilen und Helikoptern sind auf der eurasischen Kontinentalplatte, deren Gewässer lange zufrieren, neuerdings auch Jachten besonders gefragt. Märchenhaft schöne Lebendpferdestärken finden sich in Halle eins, wo das Gestüt „Sovereign Club“ langbeinige Achal-Tekkiner-Hengste mit Schwanenhals und goldenem Seidenfell im Kreis tänzeln läßt.

          25 Milliardäre und 88.000 Millionäre

          Das Millionärsmessegelände, gelegen inmitten der Betongebirge der Moskau umgürtenden Schlafstädte, wirbt für sein Luxuskonsumpanorama wohlweislich nur in englischer, nicht in russischer Sprache, obwohl das Gesetz dies eigentlich verlangte. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist provozierend kraß, und die Überzeugung, die großen Vermögen seien nicht ehrlich erworben worden, gehört im Land zu den Allgemeinplätzen. Gegen sie kämpft Marcello Prospato vergeblich an. Fünfundzwanzig Milliardäre hat das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ in Rußland gezählt, außerdem besitzt das Land offiziell 88.000 Dollarmillionäre. Einer davon ist der tschetschenische Premierminister mit Präsidentenambitionen, Ramsan Kadyrow, den die jüngst ermordete Journalistin Anna Politkowskaja als kriminellen Sadisten angeprangert hat und der am Wochenende mit großem Gefolge über die Millionärsmesse zieht.

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