https://www.faz.net/-gqz-73f8m

Mosaik eines Behördenversagens : Vernagelt

Handelte es sich bei den Ermittlungspannen während der Aufklärung der NSU-Morde um simple Stümperei oder auch um die Folgen ideologischer Vernageltheit? Das Buch eines ehemaligen leitenden Verfassungsschützers lässt Schlimmes befürchten.

          1 Min.

          Die Pannen von Polizei und Verfassungschutz, welche nach der Mordserie des braunen Terror-Trios NSU ruchbar wurden, sind nicht annähernd aufgeklärt. Die zähe Arbeit der Untersuchungsausschüsse wirft keine sensationellen Schlagzeilen ab. Doch es lohnt die Mühe, sich vom Wust der Details nicht ermüden zu lassen und das Mosaik eines Behördenversagens mit langem Atem zusammenzusetzen: Was war hier simple Stümperei im Dienst, und was geht auf das Konto einer ideologischen Vernageltheit, mit der sich die Fahndungsarbeit selbst stumpf machte? Etliche Male war man nah an dem Terror-Trio dran, ließ die heiße Spur dann aber wieder erkalten. So etwa, als die Ermittler des Bundeskriminalamts 2004 den Schweizer Waffenhändler fanden, der die Mordpistole an die Terroristen verkaufen ließ. Aber weil die Fahnder zunächst nur nach türkischen Käufern fragten, wurde an den Tätern aus Jena vorbeigesehen und der mögliche Fahndungserfolg vermasselt. Soll man anhand solcher Beispiele von Pleiten as usual sprechen nach dem Motto „Hinterher ist man immer schlauer“? Oder tritt hier eher ein Psychogramm staatlicher Sicherheitsapparate hervor, wie es das neue Buch „Nur für den Dienstgebrauch“ des früheren Verfassungsschützers Helmut Roewer nahelegt? Der Mann war im Jahre 2000 als Chef des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz entlassen worden - zu jener Zeit, als man den Bombenbauern aus Jena bereits auf der Spur war, sie aber bei einer Durchsuchungsaktion spektakulär durch die Lappen gehen ließ. Roewers Bericht ist ein Beispiel dafür, dass noch Jahre nach diesem Anfangsversagen keine strukturellen Fehler erkannt werden, man sich vielmehr mit Medienschelte („zelebrierte Rückschau“) und beruflicher Überlastung herausreden will: „Das Hauptproblem trägt in dieser Zeit den Namen Computerklau und wird über viele Wochen den Löwenanteil meiner Arbeitszeit blockieren. Die Bombenbastler treten für etliche Tage in den Hintergrund, und zwar genau bis zu dem Zeitpunkt, als mir Ende Januar 1998 ein Mitarbeiter auf dem Flur zuruft, dass die Sache in die Hose gegangen sei“ (mit der „Sache“ ist die Festnahme des Trios gemeint). Da hat also ein Verfassungsschutzchef wochenlang die falschen Prioritäten gesetzt und erinnert sich erst bei der beiläufigen Fehlermeldung eines Mitarbeiters daran, dass in seinem Sprengel nicht nur Computer geklaut, sondern auch Bomben gebaut werden - um sich sodann unbeirrt weiter für die Unschuld vom Lande zu halten, ja für die treibende Kraft der Aufklärung. Die bange Frage nicht nur für den Dienstgebrauch lautet: Wie viele Roewers sorgen noch heute für unsere Sicherheit?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wie lange noch? Noch steht Armin Laschet im Schatten von Angela Merkel.

          Allensbach-Umfrage : Kanzlerpartei im Ungewissen

          Das Meinungsklima für die Union ist aktuell nicht schlecht. Das liegt aber immer noch vor allem an der Kanzlerin. Der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet muss sich erst noch profilieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.