https://www.faz.net/-gqz-zea6

Mordprozess gegen Verena Becker : Wenn man gar kein Gehör findet

  • -Aktualisiert am

Der Karlsruher Tatort am 7. April 1977: Vorne liegt die Leiche Siegfried Bubacks, auf der Kreuzung die des Fahrers Wolfgang Göbel Bild: dpa

Vor dem Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker: Die Ermittlungen nach dem Buback-Mord wurden von Beginn an behindert. Zu viel ist im Dunkeln geblieben und verdunkelt worden. Warum wurde die Terroristin geschützt? Und durch wen?

          Am 30. September wird in Stuttgart-Stammheim wieder ein spektakulärer Mordprozess eröffnet – mehr als dreißig Jahre, nachdem im dortigen Gerichtssaal das Verfahren gegen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe stattfand. Obwohl der Gerichtssaal später als Werk- und Sporthalle für die benachbarte Haftanstalt hätte dienen sollen, ist das Gebäude danach nur für Terrorprozesse genutzt worden.

          Diese Tradition wird nun fortgesetzt. Das frühere Führungsmitglied der RAF, Verena Becker, wird sich dem Vorwurf zu stellen haben, 1977 Mittäterin bei der Ermordung des Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seines Fahrer Wolfgang Göbel und des begleitenden Justizbeamten Georg Wurster gewesen zu sein. Bislang haben es die obersten deutschen Ermittlungsbehörden nicht bewerkstelligt aufzuklären, wer damals auf dem Beifahrersitz eines Motorrads den Finger am Abzug hatte. Im Gegenteil: Je mehr Zeit seit den Verbrechen verstrichen ist, desto mehr Ungereimtheiten kamen ans Licht.

          Man machte es den Mördern leicht

          Mord verjährt in Deutschland nicht. Der neue Prozess bietet der Justiz also die Chance, die größte Schlappe der deutschen Strafjustiz zu korrigieren und Fehler, die Richter in anderen Verfahren machten – höchstwahrscheinlich machen mussten –, doch noch zu bereinigen.

          Verena Becker wurde 1989 begnadigt

          Die konkreten Tatumstände des Buback-Attentats wurden selbst in Verfahren gegen RAF-Mitglieder, die wegen dieser Morde verurteilt wurden, gerichtlich nicht geklärt. Man weiß lediglich, dass am Gründonnerstag 1977 Bubacks Mercedes nicht ansprang, als er von seinem Privathaus zum Dienstsitz in der Innenstadt fahren wollte. Die Panne konnte durch den eilig herbeigerufenen Justizbeamten Wurster und den Fahrer Göbel behoben werden. Nur darum saßen in dem Mercedes ausnahmsweise drei Männer.

          Trotz höchster Gefährdungsstufe wurde Buback nicht ständig bewacht, man hatte ihm nicht einmal ein gepanzertes Fahrzeug zur Verfügung gestellt. Das machte es den Mördern leicht, bei einem Halt vor einer Ampel mindestens fünfzehn Schüsse auf die im Fahrzeug sitzenden drei Männer abzugeben. Den Tätern war es offensichtlich sehr wichtig, sie alle drei zu ermorden. Denn nach den Feuerstößen umkreiste das Motorrad den Mercedes noch mehrfach. Erst als die Täter sicher waren, dass die drei Männer tot waren, machten sie sich aus dem Staub. In einem Selbstbezichtigungsschreiben allerdings erwähnte die RAF nur Buback, nicht die beiden gezielt erschossenen Begleiter. Die daraus ersichtliche besondere Verachtung gegenüber Menschen war üblich in den Kreisen dieser Terroristen.

          Eine Handvoll Zeugen

          Vor Gericht spielte das bis heute keine Rolle. Einige direkte Tatzeugen wurden nicht einmal geladen. Die Aussage einer Frau, die vom Fenster ihres dem Tatort benachbarten Dienstzimmers den gesamten Vorgang beobachtet hatte, verschwand in den Ermittlungsakten. Entgegen aller kriminalistischen Praxis interessierten sich die Ermittlungsbeamten, als sie am Tatort eingetroffen waren, nicht dafür, warum die Leiche des Fahrers auf der Mitte der Kreuzung lag, obwohl das Fahrzeug nach dem Attentat noch weitergerollt und erst an einem Bordstein zum Stehen gekommen war. Die erwähnte Zeugin hätte es dem Gericht erklären können: Göbel hatte sich schwerverletzt noch aus dem rollenden Auto quälen können, sich am Türholm oder Dach festgehalten und laut nach seiner Mutter gerufen, bevor er tot zusammenbrach und auf der Kreuzung liegenblieb.

          Weitere Themen

          Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Komödie im Ersten : Dorfsheriff Eberhofer im „Sauerkrautkoma“

          Die ARD füllt ihre Sommerpause mit „Sauerkrautkoma“, und das ist ein Glück. In der fünften Verfilmung der Provinzkrimi-Reihe von Rita Falk löst der Eberhofer Franz Kapitalverbrechen mal wieder ganz nebenbei.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.