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Mordfall Moshammer : Alles Mythos: Moshammers Mode

  • -Aktualisiert am

Dandyhafte Dekadenz: Modemacher Moshammer Bild: picture-alliance / dpa

Mit seinem Haaraufsatz, seinem bayerischen Charme und ironischem Parlando stutzte Moshammer das Bild des Modefürsten auf die Verhältnisse seines Landes zurück.

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          Christian Lacroix, dem das französische Luxuskonglomerat LVMH gerade den Laufpaß gab, fände für seine kunterbunten Kreationen in München ein dankbares Publikum. Auf der Maximilianstraße läßt sich beobachten, wie sich die Liebe zu Trachten auf die Anwendung von Gucci, Burberry und Christian Dior überträgt: Man trägt den Luxus gerne geballt und übereinander.

          Hier hat sich 1968 ein Schneider etabliert, der es verstand, dem genius loci weithin wirkenden Ausdruck zu verleihen. Rudolph Moshammer wußte, daß die Fassade wichtiger als ein durchdachtes Dahinter war und begann an der richtigen Stelle einfach Bademäntel zu verkaufen. Förmliche Kleidung wurde zunächst nur nach Auftragseingang produziert.

          Kreation und Meister gewannen an Extravaganz

          Die ökonomische Notwendigkeit entwickelte sich zum Stil: Die individuellen Wünsche seiner betuchten Kunden prägten eine gediegen-eklektische Kollektion mit breiten Schultern und doppelreihigen Sakkos, edlen Stoffen, Seide, Kaschmir und Pelz. Moshammer orientierte sich am klassischen Herrenanzugs-Repertoire und seinen zeitlosen Bestandteilen. Während ein Damen-Couturier mit der Do-it-yourself-Methode schnell aufs Glatteis gerät, kann ein Herrenschneider seine Kunden nicht allzu sehr vor den Kopf stoßen.

          Dies gilt besonders, wenn er sich im persönlichen Auftritt als Gesandter des comme il faut geriert und dem deutschen Mann durch ein Jackett aus seiner Hand auch die entsprechende Pose zu liefern verheißt. Moshammers Kreationen gewannen an Extravaganz, als auch er selbst ins Scheinwerferlicht trat und, ausstaffiert mit einer hoch toupierten Geisha-Perücke und verschmitztem Schnauzbart, zu einer Art Münchner Andy Warhol avancierte.

          Eine Nostalgie-Vignette

          Als er eine Damenlinie zu entwerfen begann, trug seine winzige Mutter die Cocktailkleider dort bei laufender Kamera vor. Moshammer versuchte gar nicht erst, dem Klischee eines Designers zu entsprechen. Er zimmerte sich seine Trademark-Identität aus Träumen, sozialen Kontakten und dem Schicksal der Biographie zusammen. Ludwig II., ein Schoßhund namens Daisy (sprich: "Deeesi") und die Manierismen einer süddeutschen Adelsclique, die ihn zu ihrem Maskottchen machte, komplettierten die skurrile Grandezza, mit der Rudolph Moshammer der Ereignissucht einer saturierten Münchner Szene entgegentrat.

          Mit seinem Haaraufsatz, seinem bayerischen Charme und ironischem Parlando war Moshammer auch eine Karl Lagerfeld-Karikatur. Er stutzte das Klappern des mondänen Pariser Kollegen auf die Verhältnisse eines Landes zurück, in dem einst kleine, idiosynkratische Höfe statt eines mächtigen Versailles den Ton angaben. Die Mischung aus Figaro und Rokokofürst kam auch in den Neunzigern noch gut an, als Deutschland größer und zentraler wurde. Während man vom Niedergang seines Modeunternehmens munkelte, brillierte Moshammer in zahlreichen Talkshows als Nostalgie-Vignette.

          Dandyhafte Dekadenz

          Seine erklärte Kundenliste umfaßt imposante Namen von Karl Flick und dem Fürsten von Thurn und Taxis über José Carreras, Arnold Schwarzenegger und Alfonso von Hohenlohe bis zu Gustav, dem König von Schweden. Nicht viele haben wirklich einen Moshammer-Zobel an einer lebenden Gestalt gesehen. Hier ist alles Mythos und Ahnung. Moshammer, der sein Leben gewaltsam verlor, war etwas Kostbares, die aberletzte Gestalt einer dandyhaften Dekadenz, die in München bis zur Maueröffnung standhielt. Stephan Reichenberger, der Produzent von "Leo's Magazin", faßt das so zusammen: "Er verkörperte auch die Agonie des Münchener Glamour. Als man den Glassturz wegnahm, ist er wie ein Homunkulus zusammengesunken."

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