https://www.faz.net/-gqz-88h5b

Philosoph Precht im Gespräch : Ein Intellektueller muss ungesund essen

  • Aktualisiert am

Isst Rind, aber keinen Octopus: Der moralisch inkonsequente Gemischtköstler Richard David Precht. Bild: Stefan Finger

Kann sich der Mensch moralisch korrekt ernähren? Wenn ja, wie? Richard David Precht hat die Antworten und erklärt, warum er keinen Octopus mehr essen würde – auch wenn er dem Denker schmeckt.

          Bio, vegetarisch, vegan, fair, regional: Viele Menschen fragen sich, was sie noch guten Gewissens essen können. Aber gibt es das überhaupt, eine ethische Ernährung?

          Nein. Weil der Mensch sich nicht ernähren kann, ohne Leben zu nehmen, tierisches oder pflanzliches. Und wir haben Anlass, davon auszugehen, dass Pflanzen sehr empfindsame Lebewesen sind.

          Was ist daran unethisch, wenn doch alle Lebewesen so ihren Nährstoffbedarf stillen?

          Sie meinen: Wenn der Löwe Gazellen tötet, warum sollte dann nicht auch der Mensch, der von seinem Gebiss her ein Gemischtköstler ist, Fleisch essen? Die Antwort lautet: weil der Mensch eine Alternative hat, der Löwe nicht.

          Die Biologie des Menschen hilft uns also nicht weiter bei der Suche nach der richtigen Ernährung.

          Mit der Natur des Menschen können wir in der Ethik nicht argumentieren. Sie würde auch Mord, Inzest und Vergewaltigung rechtfertigen. Thomas Henry Huxley sagte: „Die Moral ist das scharfe Schwert, um den Drachen unserer tierischen Herkunft zu töten.“

          Das dürfte die Paläo-Diät (viel Fleisch, kaum Kohlehydrate) wohl ethisch disqualifizieren.

          Mit der Ernährung unserer Vorfahren hat die sogenannte Paläo-Diät ohnehin nichts zu tun. Vor- und Frühmenschen aßen vor allem Blätter, Früchte und Insekten, dazu Fisch und Aas - was der Löwe so übrigließ.

          Warum suchen heute überhaupt so viele Menschen nach der richtigen, korrekten Ernährung?

          Ich würde sagen: Zeit und Geld. Wir sehen uns einem unglaublichen Angebot von Lebensmitteln gegenüber. Das überfordert uns, und wir kaprizieren uns auf eine bestimmte Ernährungslehre. Außerdem leben wir in einer Gesellschaft, die uns erlaubt, viel Aufmerksamkeit auf uns selbst zu richten. Schon als Kinder erfahren wir mehr Aufmerksamkeit und Liebe als in früheren Zeiten. Das ist gut. Aber es geht eine eigentümliche Verbindung mit dem kapitalistisch-materialistischen Imperativ ein, sich selbst zu optimieren. Die Sorge um sich spielt eine riesige Rolle. Das schließt die Ernährung ein.

          Ist es nicht gut, dass Menschen sich Gedanken um eine gesunde, verantwortungsbewusste Ernährung machen? Dass sie sich fragen, ob der Milchbauer einen fairen Preis erzielt, das Huhn anständig gelebt hat und der Salat nicht mit Giften belastet ist? Das schließt doch auch die Sorge um andere ein.

          Stimmt. Aber die Gesellschaft zerfällt in zwei Teile. Die gehobene Mittelschicht wird sich immer hochwertiger ernähren, zum Beispiel mit Biofleisch. Für die sozial Abgehängten bleiben industriell produziertes Fleisch und preiswertes Fastfood.

          Wenn die Philosophie uns keinen Weg zu einer absolut ethischen Ernährung weist, welche Hinweise kann sie auf Näherungslösungen geben?

          Da gibt es etwa das als anthropozentrisch verschrieene Modell: Was bewusstseinsmäßig am komplexesten entwickelt ist, ist am schützenswertesten. Da würden viele sagen: Diese Argumentation nimmt das Tier ja gar nicht als Tier ernst. Sie ist aber stringenter als die ästhetische, nach dem Motto: Was schön ist, muss geschützt und sollte nicht verzehrt werden.

          Also: Menschenaffenfleisch essen geht gar nicht, Insekten als Speise sind in Ordnung, Salat ist noch besser?

          Darauf könnten sich sicher viele einigen. Ich würde ergänzen: Kraken essen geht gar nicht.

          Die schmecken aber so gut.

          Sehe ich genauso. Aber ein Octopus ist ein unglaublich komplex entwickeltes Wesen, das ist der Mensch des Meeres. Sicher gehört auch eine ästhetische Faszination dazu. Oder Elefantenrüsselfische. Sie haben im Verhältnis zum Körpergewicht das größte Gehirn aller Lebewesen im Tierreich.

          Diese Fische würden Sie nicht essen?

          Das wäre für mich ein Verbrechen. In Westafrika werden sie verzehrt. Andererseits: Inkonsequent, wie ich bin, esse ich Rind. Fasziniert mich nicht so.

          Das ist doch kein ethisches Argument!

          Ist es auch nicht. Es gibt auch keine wirklich ethischen Argumente. Wir werden das niemals so sortiert bekommen, dass wir eine allgemein gültige Hierarchie des ethisch Vertretbaren erhalten. Jeder muss sich fragen: Was halte ich selbst für vertretbar?

          Traditionell schaffen Religionen Speisevorschriften. Inzwischen unterwerfen Menschen sich strengen profanen Diätregimes. Wird Ernährung zur Ersatzreligion?

          Ernährung hat viel mit Religion zu tun. Die Diätetik des Abendlandes beginnt mit den Orphikern und Pythagoreern. Sie glaubten, dass man die Reinheit der Seele durch die Reinheit der Ernährung kultivieren müsse. Die Optimierung des Geistes stand im Vordergrund und wurde im Laufe der griechischen Philosophiegeschichte immer wichtiger. Heute ist es umgekehrt. Man optimiert den Körper und nimmt ein bisschen für den Geist mit.

          Mitleid mit den Tieren spielte keine Rolle?

          Das kam bei Theophrast auf, einem Schüler von Aristoteles. Er argumentierte pathozentrisch, also vom Leiden her, und bei Plutarch gibt es flammende Anklagen gegen das Verspeisen von Tieren, das Sich-Benetzen mit Mörderblut.

           Wie wäre es mit einem Beispiel: Ein junger Mann, überzeugter Vegetarier, besucht seine Großmutter. Sie hat einen Schweinebraten zubereitet. Was tun? Der alten Dame die Freude verderben oder seinen Grundsätzen treu bleiben?

          Das ist ein ethisches Dilemma, da gibt es keine klare Antwort. Ein anderes Beispiel. Ich sage: Essen Sie dieses Huhn. Sie sagen: Ich esse kein Fleisch. Darauf ich: Wenn Sie es nicht essen, bringe ich auch noch ein anderes Huhn um.

          Das ist eine Geiselnehmer-Strategie.

          Die Frage klärt aber: Warum will ich eigentlich ethisch handeln? Um ein reiner Mensch zu sein? Dann müsste ich sagen: Bitte, töte das andere Huhn, ich habe damit nichts zu schaffen. Oder will ich das Richtige tun im Hinblick auf die Konsequenzen? Dann müsste ich ein Huhn essen, um das andere zu retten. Hier treffen zwei Grundhaltungen aufeinander. Und ich glaube, dass die erste dem Zeitgeist viel mehr entspricht als die zweite.

          Das klingt nach einer Gesellschaft dogmatischer Egoisten. Ist Ethik nicht etwas Elastisches?

          Wir brauchen ethische Grundsätze wie: Du sollst nicht lügen. Aber wenn wir sie radikal umsetzen würden, könnten wir nicht leben. Ähnlich verhält es sich auch mit ethischen Ernährungsregeln.

          Ist kostspielige Bio-Ernährung unethisch, weil man besser beim Discounter kaufen und das Geld spenden sollte?

          Das ist eine unlautere Argumentation. Weil die Hitparade, was die höchste ethische Pflicht ist, nie zu einem Ziel führt. Wenn alle nur für die Allerärmsten spendeten, gingen andere Bedürftige leer aus. Das ist keine Lösung.

          Ist es unethisch, sich ungesund zu ernähren, weil man dadurch das Risiko für Krankheiten erhöht und der Gemeinschaft zur Last fallen könnte?

          So wird es gebrandmarkt werden, fürchte ich. „Political correctness“ macht vor der Ernährung nicht halt, und abweichendes Halten wird weniger toleriert werden.

          Das hieße, dass sich neue gemeinsame Ernährungsstandards entwickeln.

          Wir beobachten im Moment aber eher ein asoziales Moment: Wenn jeder sich intensiv um seine Ernährung kümmert, kann ich keinen mehr einladen. Der eine isst das nicht, der andere das nicht, das geht aus diesen und jenen Gründen nicht. Das ist wahnsinnig ungesellig. Dabei hat für die Entwicklung der Ethik das gemeinsame Essen eine wichtige Rolle gespielt.

          Ein philosophisches Symposion war ursprünglich ein Gelage.

          Und blickt man auf die Anfänge der Menschheit zurück, kann man sagen: Die Ethik ist vielleicht nur entstanden, weil niemand allein ein Mammut aufessen kann. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Menschen lieber zusammen mit anderen Menschen essen. Aber je mehr ich meine Ernährung optimiere, desto weniger Gemeinschaft kann ich noch spontan herstellen. Ich kann mich mit Gleichgesinnten in Internetforen treffen. Die sozialen Instinkte für das Situative gehen verloren. Es ist wie im Zug, in dem kein Fremder mehr mit anderen spricht und jeder auf sein Smartphone guckt. Gesprochen wird bezeichnenderweise fast nur noch im Speisewagen.

          Was stört Sie am meisten am Trend zur individuellen Nahrungsoptimierung, auch an der mit ethischen Ansprüchen?

          Verstehen Sie mich nicht falsch, ich halte es durchaus für sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, woher Nahrungsmittel kommen und was sie mit einem machen. Ich habe auch einen eher instinktiven Vorbehalt. Seit mindestens zweihundert Jahren gibt es die Vorstellung, dass ein Intellektueller sich schlecht ernähren muss. Dass er sich verzehren und auszehren muss für sein Werk. Ich will das nicht glorifizieren und nicht empfehlen, aber dass das so ganz verlorengeht und ins Gegenteil umschlägt, das hat etwas sehr Unsympathisches.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.