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Moral und Nostalgie : Im politischen Kostümverleih

Jeder kann sich eine verlogene Kolumne lang als Kurt Tucholsky des Rechtsstaats fühlen. Über die intellektuelle Faulheit heutiger Debatten.

          Manche wünschen sich gern in eine andere Zeit. Sie stehen vor einem Bild von Watteau und denken: Auf den Inseln des Rokoko gelebt zu haben muss schön gewesen sein. Die Begeisterung für die Antike nährt sich seit jeher von solchen Gefühlen; noch jede Renaissance hat ihnen nachgegeben. Weimar um 1800, das Paris von Proust, das New York des großen Gatsby oder das Dorothy Parkers – wie lebendig, wie anregend, wie reich an Motiven! Seit einer medizinischen Dissertation, die 1688 in Basel vorgelegt wurde, hat dieser Impuls des zeitlichen Heimwehs einen Namen: Nostalgie.

          Der Begriff klingt harmlos, die Pflege dieses Gefühls schlimmstenfalls naiv. Doch gegenwärtig verbreitet sich eine giftige und hochinfektiöse Form dieser Krankheit: Manche wünschen sich Zeiten zurück, in denen das Land angeblich noch dem Volk gehörte; andere in solche, als der Kapitalismus angeblich noch gezügelt war. Sie erinnern sich an ihre Jugend und geben sich dem Eindruck hin, damals wäre die Gesellschaft noch nicht so krisenhaft gewesen wie heute.

          Das hört man gerade von Leuten, die mit dem ersten Club-of-Rome-Bericht groß geworden sind, mit neun Prozent Inflation, den Morden der Baader-Meinhof-Banden aller Länder, dem Kalten Krieg und der Ölkrise, mit „Le Waldsterben“ und Berichten von der Flächenbombardierung Nordvietnams. Zeiten zu beschwören, in denen die berüchtigten 68er noch nicht prägend waren, ist zu einer politischen Geste geworden, die mitunter umso hasserfüllter ausgeführt wird, je aussichtsloser die Forderung ist, etwas wiederzubekommen, was man nie hatte.

          Überall Feinde, überall der Rechtsstaat

          Doch diese Art aggressiver Nostalgie ist keine Eigenheit des rechten politischen Spektrums. Auf der sich links fühlenden Seite derer, die entsprechende Redensarten demonstrativ schrecklich finden, wird ein ganz ähnliches historisches Heimweh praktiziert. Es lebt von Angstlust und konsumiert in tiefen Zügen die Gefahr, die sie mit Populisten, der politischen Rechten, mit Donald Trump, der AfD und Büchern aus dem Rittergut Schnellroda verbindet.

          Diese Nostalgie liegt in der Beschwörung einer Kampfsituation, für die historische Vorlagen ganz beliebig herangezogen werden. Man redet davon, es seien jetzt Nationalsozialisten im Bundestag, sieht die Republik auf der Kippe und erkennt in Trump Züge Hitlers, phantasiert sich anlässlich von Tumulten bei G-20-Gipfeln ins Gefühl hinein, eine Entscheidungsschlacht wäre unausweichlich. Überall Feinde, überall der Rechtsstaat, die Aufklärung und die Vernunft in Gefahr, überall Weimarer Republik um das Jahr 1930.

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