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Moral und Nostalgie : Im politischen Kostümverleih

Links und rechts werden insofern als Unterscheidungen künstlich und um den Preis gewaltiger Manipulationen am Leben gehalten, um der tatsächlichen Bedeutungslosigkeit des bloßen Meinens nichts ins Auge blicken zu müssen. Es durchzieht genau darum ein ungeheurer Moralismus all die Meinungstexte, die uns täglich Werte mit dem Hinweis um den Kopf hauen, ihre Verwirklichung werde gerade aufgrund böser Gesinnung verhindert. Die Erhöhung der Lautstärke und die Vermehrung der gezwitscherten Ausrufezeichen dient ausschließlich dazu, an einer vermeintlichen Gefahr als ihr Melder zu partizipieren.

Helena war nur ein Vorwand, um zu kämpfen

Daraus, dass die „New York Times“ berichten konnte, seit Trump gehe es der Zeitung besser, wird der ebenso schmähliche wie törichte Schluss gezogen: Wir brauchen um jeden Preis schlimmstmögliche Gegner in politisch letztentscheidenden Konflikten, um öffentlich mehr Gehör finden. Und wir nennen den entsprechenden Krawall dann auch noch „Beitrag zur Demokratie“. Was dabei für Politik gehalten wird, ist aber nur Moral. Deswegen muss auch bei keinem Angriff auf die andere, verachtete Seite auch nur gefragt werden, wer da steht, wie viele da stehen, was sie gesagt haben, was sie tun und was der Kern dessen sein könnte, was sie meinen. Von der Frage nach Tatsachen ganz zu schweigen. Man schenkt sich Gedanken und Erkenntnisse zugunsten von Gefühlen und Meinungen, weil gar nicht diskutiert werden soll, sondern weil es unter vorgeblichem Interesse an Auseinandersetzung nur darum geht, sich zu Teilnehmern einer Schlacht in historischen Kostümen aufzublasen.

Die französische Philosophin Simone Weil hat 1937 in einem Text mit dem Titel „Ne recommençons pas la guerre de Troie“ davor gewarnt, den Trojanischen Krieg noch einmal zu führen. Dieser Krieg sei nämlich nicht der Heimholung Helenas wegen geführt worden. Vielmehr habe er gar kein bestimmbares Ziel gehabt. Helena war nichts anderes als ein Vorwand, um zu kämpfen. Nation, Kapitalismus, Faschismus, Demokratie, Eigentum, Volk, Autorität, Sicherheit – alle diese „von Blut und Tränen aufgeblähten Worte“ hätten, so wie das Wort „Helena“, wenn man sie näher betrachtet, gar keinen politischen oder sozialen Inhalt. Sondern sie dienten nur dazu, eindeutige Gefühle bei denen zu mobilisieren, die gern Krieg um Begriffe führen. Weil deutet an, dass es sich um ganz leere Seelen handeln muss, die sich nicht nur gern im Abstrakten aufhalten, sondern für Kämpfe um Abstraktes sogar Affekte aufzubringen in der Lage sind.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, fällt gerade vielen zur Gesellschaft, in der wir leben, so wenig ein, dass sie dankbar für jede Möglichkeit sind, alte Schlachten zumindest rhetorisch nachzustellen. Die Tatsächlichkeiten sozialen Elends in dieser Gesellschaft, die wirklichen Toten, die Opfer von Rechtsverletzungen, sind dafür dann nur Material und Anlass, wütend zu sein und Bescheid zu wissen, wer am Unglück Schuld trägt. Dieses Bescheidwissen macht sich keine Arbeit, denn nichts ist leichter als Meinen und in moralischer Absicht mitzuteilen, die anderen seien doch wirklich das Letzte, so gehe es doch bestimmt nicht weiter, solche Leute wolle doch niemand, der guten Herzens sei, zu Nachbarn. Diese Art von Moral ist wie die Nostalgie eine Form der intellektuellen Faulheit.

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