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Gartenserie : Zwei mächtige Ulmen

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Geschick beim Hauskauf: Virginia und Leonard Woolf erwarben das Cottage im Jahr 1919. Bild: Andreas Kuther

Wenn die „Bloomsbury Group“ aufs Land fuhr: Im Anwesen „Monk’s House“ von Virginia und Leonard Woolf erprobte man neue Gartenkonzepte.

          Die Gartenarbeit verrichtete sie in „a queer sort of enthusiasm“. So zumindest war es zu lesen: „Den ganzen Tag Unkraut gejätet und die Beete fertig gemacht, in einer seltsamen Art von Begeisterung, die mich dazu brachte zu sagen, das ist Glück.“ Tatsächlich verwandte die britische Schriftstellerin Virginia Woolf wenig Zeit aufs Gärtnern. Sie war ein Großstadtkind, nicht gewohnt, gegen widerborstige Unkräuter zu kämpfen und feuchte Erde unter den Fingernägeln zu haben. Sie saß lieber in der Writing Lodge und beschrieb das blühende Paradies, dessen Pflege sie meist ihrem Ehemann überließ.

          Virginia und Leonard Woolf, die gemeinsam den Verlag Hogarth Press betrieben, ersteigerten 1919 in Rodmell, einem Dorf in East Sussex, ein Cottage aus dem 16. Jahrhundert für 700 Pfund, nachdem sie gerade den Roman „Ulysses“ von James Joyce abgelehnt hatten. Beim Hauskauf bewiesen sie größeres Geschick: Das alte, mit Schindeln verkleidete Gebäude hatte Charme, und der etwa 3000 Quadratmeter große Garten war zum Verlieben. Zwei mächtige Ulmen begeisterten auch die Freunde, die bald in Scharen kamen und die Bäume Virginia und Leonard nannten.

          Leonard Woolf im Jahr 1965.

          An der Gestaltung des Gartens hatten beide Anteil. Nahe beim Haus, geschützt von Mauern, entstand ein floraler Garten, dessen bunte Blütenpracht die Betrachter das ganze Jahr erfreute. Ebenso groß war der Gemüsegarten, der nicht nur die eigene Küche, sondern auch den lokalen Markt versorgte. In drei Gewächshäusern konnte der Hausherr seiner Liebe für exotische Pflanzen nachgehen, die über das Jahr auch das Haus schmückten. Natürlich fehlte der englische Rasen nicht, auf dem man mit Freunden angeregte Gespräche führen oder Bowls spielen konnte. Am südlichen Ende des Gartens stand Virginias Refugium; das Fenster des weißen Pavillons gab den Blick frei auf eine herrliche Obstwiese: Wenn die Bäume im Frühjahr in Blüte standen, war sie von unzähligen Narzissen übersät.

          Straßenseite von Monk’s Hall in Rodmell, East Sussex.

          Als das Ehepaar „Monk’s House“ ersteigerte, war Virginia 37 Jahre alt und hatte ihre ersten Texte veröffentlicht. Der literarische Erfolg stellte sich erst Jahre später ein, als sie 1928 mit „Orlando“ die fiktive Biographie ihrer zehn Jahre jüngeren Freundin Vita Sackville-West schrieb, die damals häufig von ihrem Landsitz Sissinghurst in Kent nach Sussex kam.

          Mit der exzentrischen Aristokratin, renommierten Dichterin und innovativen Landschaftsarchitektin verbanden Virginia nicht nur hortikulturelle Leidenschaften. Gemeinsam befreite man sich von den sexuellen Konventionen der viktorianischen Epoche. Ihre politischen und sozialen Ideen teilten die beiden Frauen mit Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen, die sich regelmäßig im Haus von Virginias Bruder, Thoby Stephen, im Londoner Stadtteil Bloomsbury trafen. Wenn die „Bloomsbury Group“ aufs Land fuhr, dann schaute man entweder im Monk’s House in Rodmell oder im nahe gelegenen Charleston Farmhouse vorbei, das Virginias Schwester, die Malerin Vanessa Bell, zusammen mit ihrem Geliebten Duncan Grant gemietet hatte. Auf ihrem Weg in die Moderne erprobten die Mitglieder des Kreises aber nicht nur die freie Liebe, sondern diskutierten auch neue Gartenkonzepte. Die große alte Dame der englischen Gartenkunst, Gertrude Jekyll, wurde jetzt als dick und brummig verspottet.

          Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, zogen sich Virginia und Leonard Woolf ganz in ihr Cottage zurück. Doch den Bedrohungen und Extremen der Zeit konnten sie auch in ihrem ländlichen Idyll nicht entgehen. Gemeinsam schmiedeten sie Selbstmordpläne für den Fall, dass die Nationalsozialisten die Insel erobern sollten, denn Leonard war Jude und Sozialist. Doch es kam anders: Virginia Woolf ertränkte sich im nahen Fluss Ouse; die Depressionen, an denen sie seit langem litt, hatten über sie gesiegt. Ihr Ehemann setzte ihre Asche unter der Ulme bei, die ihren Namen trug. Heute erinnert nur noch eine bronzene Büste auf einer seitlichen Mauer an diesen Ort. Mit ihr vereint ist ihr Ehemann Leonard, der noch 28 Jahre in Monk’s House lebte und 1969 verstarb. Auch seiner gedenkt eine Bronzebüste. Das Ulmenpaar ist hingegen längst verschwunden: Die eine fiel einem Sturm zum Opfer, die andere dem Ulmensterben.

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