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Monika Rincks Poetikvorlesung : Im Sog der Skripte

Furioser Auftritt in Frankfurt: die Schriftstellerin Monika Rinck Bild: Picture-Alliance

Keine vorschnellen Prosaprognosen, bitte: Monika Rincks Frankfurter Vorlesungen zur Poetik brillieren mit Gedankenfülle und enormem Tempo.

          3 Min.

          Wenn die Pandemie ein Text wäre, wie würden wir ihn lesen? Das ist die falsche Frage. Nächster Versuch: Wenn die Pandemie ein Text wäre, womit würden wir ihn lesen? Schon besser. In welchen Traditionen, mit welchen Mitteln, welchen Erkenntnisinteressen und welchen erkenntnisfördernden Instrumenten nähern wir uns den Texten der Welt und der Welt der Texte – vor allem wenn sie von unserer Zukunft zu handeln vorgeben? Wenn nicht alles täuscht, ist es das, worum es in Monika Rincks Vorlesungen über „Poetik und Prognosen“ gehen wird. Unter anderem. Zwei von drei Vorträgen gilt es noch abzuwarten. „Die Vorhersage erfolgt in Versen“, lautet ein früher Rinck-Satz an diesem Dienstagabend, an dem die Frankfurter Poetikvorlesung erstmals nicht im Hörsaal, sondern im Internet stattfindet. Er hat zweifellos das Zeug zum Leitmotiv. Prosaprognosen verbieten sich also an dieser Stelle.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Sie wären auch überflüssig. Selten zuvor hat an diesem traditionsreichen Ort eine Eröffnungsvorlesung mit einer solchen Fülle an Gedanken, Fragen, Verknüpfungen und Bezügen aufgewartet. Das Tempo ist enorm. Innerhalb der ersten Minuten kommt Rinck von Walter Benjamin über den Linguisten Émile Benveniste und den argentinischen Schriftsteller César Aira zu der Literaturwissenschaftlerin Monika Schmitz-Emans und dem Althistoriker Kai Trampedach, dessen Buch über die „Politische Mantik“ zu Benjamins Ausgangsgedanken zurückführt. Der erste Kreis hat sich geschlossen. Weitere werden folgen. Aber vielleicht handelt es sich gar nicht um Kreise, sondern eher um Kästchen. Diese Vorlesung hat den Titel „Vorhersagen – Poesie und Prognosen“, und sie folgt dem Prinzip des Hüpfspiels namens Hinkelkasten, auch Himmel und Hölle genannt. In der einfachen Variante hat es neun Felder. Ob Monika Rinck damit auskommen wird?

          Hüpfer nach links und rechts

          Im ersten Kästchen, dem Benjamin-Kästchen, geht es um die älteste Form des Lesens: das Lesen vor der Schrift, als Schicksal und Zukunft aus Knochen, Eingeweiden und dem Vogelflug herausgelesen wurden: „Schauen wir in den Tieren nach“, sagt Monika Rinck, zeigt dann aber lieber doch einige „Ornithographien“ des spanischen Fotografen Xavi Bou, der die Muster von Vogelflügen in seinen Bildern sichtbar gemacht hat. Gut fünfzigmal blendet sie im Verlauf der knapp einstündigen Vorlesung Illustrationen ein: Buchseiten mit Anstreichungen von ihrer Hand und Fotografien vor allem. Mit Benveniste spürt sie den Etymologien des vieldeutigen Begriffs des Lesens nach und zitiert einen abgründigen Satz Airas, demzufolge einer Täuschung unterliegt, wer das Lesen für einen rein identifikatorischen Vorgang hält. Wir seien bereits identifiziert, sagt Aira, und läsen, „um uns zu de-identifizieren“.

          Mit Schmitz-Emans sucht sie einen Ausweg aus dem „Sog der Skripte“ und fragt nach der „Selbsterfindung“ der Lesenden. Dann kehrt sie – Hüpfer nach links – mit Trampedachs Studie über die Götterzeichen und Orakel im klassischen Griechenland zu Benjamin zurück und leitet gleichzeitig – Hüpfer nach rechts – zum „Entenorakel“ über, einem eigenen Gedicht. Sie wird im dritten Teil ihrer Frankfurter Poetikvorlesung darauf zurückkommen, in dem sie sich „der Zukunft und ihrer (poetischen und nicht-poetischen) Sprache“ zuwenden wird. Beim nächsten Mal soll es um „neofuturistische Züge der Gegenwartslyrik“ gehen, unter besonderer Berücksichtigung der Perspektive von Nachhaltigkeit und Vergeudung.

          „Frausein und Irrsinn“

          Ausdauernd kreist Monika Rinck über Delphi, fragt nach der Rolle, die Lorbeerblätter als Rauschmittel und der dreibeinige Hocker der Pythia als „Triggermöbel der Trance“ für die in Alexandrinern abgefassten Orakelsprüche gespielt haben, und schlägt mühelos den Bogen zu Ulf Stolterfoht, dem „schwäbischen Orakel“, und seinem Band „Holzrauch über Heslach“, in dem der Lyriker sich mit psychoaktiven Substanzen beschäftigt hat. Poesie, Wahnsinn, Rausch und Prognose sind plötzlich dicht zusammengerückt, aber Plutarchs misogynes Wort von der „brabbelnden Pythia“, das Dichtung und Raserei, „Frausein und Irrsinn“ in denselben Topf wirft, sorgt rasch für Ernüchterung und lässt Monika Rinck nach den Versuchungen einer Scheinrationalität fragen, der zurzeit ganz unterschiedliche Kreise erliegen. Sind die neue Lust am Verbot und Lust am Aufbegehren gegen Verbote womöglich zwei Seiten derselben Medaille?

          Im vorerst letzten Kästchen ihres poetologischen Himmel-und-Hölle-Spiels besucht die Lyrikerin das Berliner Futurium, wo sie beunruhigende Neuigkeiten erfährt. Wenn Menschen davon träumen, dass Roboter ihnen die Arbeit abnehmen, damit sie in Ruhe Gedichte schreiben können, die Roboter ihrerseits aber womöglich ebenfalls davon träumen, dass sie in ihrer Freizeit Gedichte schreiben, kann das nicht ohne ernsthafte Folgen für die Gegenwartslyrik bleiben. Im zweiten Teil ihrer furiosen Poetik der Prognosen wird Monika Rinck der Lyrik der Zukunft auf den Zahn fühlen.

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