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Monika Maron und der Fall Q-Cells : Glückhafte Arbeit ist nicht von Dauer

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Deprimiert über das, was geschieht: Monika Maron 2009, beim Besuch der Orte, an denen die Handlung ihres Buchs „Bitterfelder Bogen“ spielt Bild: Andreas Pein

Die Bitterfelder Solarfirma Q-Cells hat am Dienstag Insolvenz angemeldet. Als einen Glücksfall der Wiedervereinigung hatte die Schriftstellerin Monika Maron im Jahr 2009 dieses Werk geschildert. Und nun? Ein Gespräch.

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          Während wir dieses Gespräch führen, beantragt die Solarfirma Q-Cells die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Sie haben 2009 in ihrer großen Reportage „Bitterfelder Bogen“ den kometenhaften Aufstieg dieses Unternehmens seit dem Beginn des neuen Jahrhunderts geschildert. Deprimiert Sie, was gerade geschieht?

          Ja. Weil damit die wunderbare Verbindung zwischen den Gründern von Q-Cells, die aus Berlin-Kreuzberg kamen, und dieser zu DDR-Zeiten so gebeutelten Region wohl zu Ende geht. Es deprimiert mich auch für die Stadt Bitterfeld, mit der ich nun mehr als drei Jahrzehnte lang verbunden bin. „Flugasche“, mein erster Roman, der 1981 nur im Westen erschien, erzählt vom dreckschleudernden und menschenschindenden Chemiekombinat in einer Stadt namens „B.“ und war in gewisser Weise ein Menetekel für das, was dann mit der ganzen DDR geschehen sollte.

          28 Jahre später haben Sie im „Bitterfelder Bogen“ dann eine Erfolgsgeschichte der deutschen Wiedervereinigung protokolliert: Umweltfreundliche Arbeitsplätze dank einer florierenden Zukunftstechnologie.

          Was mich an dieser Geschichte so begeistert hat, war das gleichrangige und gleichberechtigte Zusammentreffen zwischen den Solarpionieren aus Kreuzberg und den Leuten aus Bitterfeld. Die Berliner Gründer hatten die Idee, aber keine Ressourcen und keine Infrastruktur - in Bitterfeld hatte man die Ressourcen und brauchte dringend Arbeitsplätze: Gut zweitausend bot Q-Cells dann in den besten Zeiten. Die Gegend blühte auf. Mit der Solarindustrie erhielt der Ort auch wieder eine Identität.

          Ihre beiden Bücher über Bitterfeld, die Niedergangs- wie die Erfolgsgeschichte, wählen unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit, einmal die Fiktion, also den Roman, einmal den „Bericht“, also die Dokumentation.

          Bei „Flugasche“ spielte die Umweltproblematik in Bitterfeld ja eher eine tragende Nebenrolle. Im Roman geht es vor allem um den Kampf der Journalistin Josefa Nadler, in ihrer Zeitung über die skandalösen Verhältnisse im Chemiekombinat überhaupt berichten zu dürfen - und es geht um den Konflikt, in den man gerät, wenn man tut, was man tun zu müssen glaubt. Um der Realität der DDR nahe zu sein, bedurfte es hier der fiktiven Form. Beim „Bitterfelder Bogen“ habe ich sehr bewusst einen primär dokumentarischen Zugang gewählt. Das ging es um ganz konkrete Dinge, ich hatte gar keine Lust, dies in eine Romanhandlung zu verpacken. Reine Dokumentation ist es dennoch nicht, eher ein Mischform aus Reportage und Bekenntnis. Ich bekenne mich also zu meiner Begeisterung über das, wovon ich berichte. Man schreibt ja auch solche nicht fiktiven Text immer als Schriftsteller und sucht das, was in und hinter den Dingen steckt, in der Sprache selbst.

          Beide Bücher bleiben als Dokumente gültig, wenn nach der DDR nun auch Q-Cells untergehen sollte. Reicht das nicht?

          Als Autorin könnte ich sagen: ja. Aber als Bürgerin bin ich mit den Menschen dort verbunden.

          Wie geht es den inzwischen noch etwa 1500 Mitarbeitern von Q-Cells, denen nun eventuell Entlassung droht?

          Ich lese, sie seien ziemlich gelassen. So richtig vorstellen kann ich mir das eigentlich nicht. Und für den Ort selbst, der ja schon seit geraumer Zeit von Q-Cells keine Steuern mehr erhält, ist das fatal. Q-Cells hat in den guten Zeiten viel investiert, auch in soziale Einrichtungen, Vor allem der Ortsteil Thalheim hat davon profitiert. Das drohende Ende von Q-Cells hat Auswirkungen auf die Infrastruktur der ganzen Gegend.

          Im „Bitterfelder Bogen“ zitieren Sie mehrfach zustimmend Dagmar Vogt, die zu den Gründern von C-Cells gehörte, mit dem Satz: „Jedes Unternehmen verliert durch den Börsengang seine Seele.“

          Die Kombination aus Q-Cells und Bitterfeld hat in den Anfangsjahren in den Menschen etwas besonders Schönes hervorgerufen: Arbeitslust, Begeisterung und das Bewusstsein, das Richtige zu tun. Es waren glückhafte Eigenschaften, die da in den Menschen wachgerufen wurden. Aber darauf kommt es in dieser Welt nicht an, überhaupt nicht. Von einem gewissen Punkt und einer gewissen Unternehmensgröße an dominieren der ökonomische Kreislauf und die globale Konkurrenz. Alles andere spielt dann keine Rolle mehr. Auch wenn ich nicht weiß, wie es anders gehen sollte, macht mich das traurig. Auch wenn ich keine Alternative habe, kann ich es sehr bedauern, dass das, was Menschen bei und mit einer Arbeit glücklich macht, kein ökonomischer Faktor ist.

          Ein eher bitteres Resümee?

          Bitterfeld war immer ein Industriestandort. 1895 wurde hier die Agfa, die „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“, gegründet. Obwohl in der DDR diese Tradition durch das Chemiekombinat ziemlich ramponiert wurde und der Standort nach der Wende kaputt zu sein schien, hat sich in dieser Gegend das Bewusstsein um die eigene Herkunft doch Generation für Generation erhalten. Auch deshalb war mit Q-Cells eben so viel Hoffnung verbunden - und auch ein neuer Stolz. Und beides, Hoffnung wie Stolz, wird jetzt wohl Schaden nehmen.

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