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Goncourt-Preisträger : Gegen die Kolonisierung des Geistes

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Der Schriftsteller Mohamed Mbougar Sarr Bild: Laif

Mohamed Mbougar Sarr hat 2021 in Frankreich den Prix Goncourt erhalten. Jetzt erscheint sein aufregender Roman auf Deutsch. Eine Begegnung in Paris.

          5 Min.

          Die Fähigkeit zur Selbstironie ist keine Qualität, die im Pariser Literaturbetrieb besonders verbreitet ist, was Mohamed Mbougar Sarr in dieser Landschaft umso auffälliger macht. Als er im November 2021 mit 31 Jahren als einer der jüngsten Autoren seit Langem den prestigeträchtigen Prix Goncourt gewann, rief er nicht nur seine Eltern an, um ein kollektives „Wir haben es geschafft!“ in den Hörer zu jubeln, sondern erklärte in den Wochen danach auch gerne, er sei jetzt die „Miss France“ der Literatur. Eine Trophäe, die man ein Jahr lang als Flaggenträger herumreicht, bis der Nächste dran ist.

          Auch in seinem Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ beweist er, wie viel Abstand er hat, und macht sich über die Medien lustig, wenn er schreibt: „W. ist der erste schwarze Autor, der diesen oder jenen Preis erhalten hat, in diese oder jene Akademie aufgenommen wurde: Lesen Sie sein Buch, es ist natürlich fabelhaft. X. ist die erste lesbische Autorin, deren Buch in gendergerechter Sprache veröffentlicht wurde: der große revolutionäre Text unserer Zeit. Y. ist donnerstags ein bisexueller Atheist und freitags ein Cis-Muslim: Seine Erzählung ist großartig und berührend und so wahr!“

          Tatsächlich bezieht sich eine der ersten Fragen, die Mohamed Mbougar Sarr seit einem Jahr immer wieder beantworten muss, weniger auf sein Schreiben, nicht auf den Roman, sondern auf die Tatsache, dass er als erster subsaharischer Schriftsteller überhaupt den wichtigsten französischen Literaturpreis erhalten hat: Wie es für ihn sei, nun ein Symbol zu sein, wollen Journalisten immer wieder wissen; wie er damit umgehe, Senegal, vielleicht sogar den ganzen französischsprachigen Literaturraum Afrikas zu repräsentieren? Und obwohl Sarr in seinem Roman sehr eindringlich erklärt, wie einengend, ja nahezu erstickend es sein könne, wenn ein Autor permanent auf seine Hautfarbe oder seine Herkunft zurückgeworfen und sein Werk zur Seite geschoben werde, als sei es in seinem Fall nebensächlich, geht er doch immer wieder darauf ein. Warum eigentlich?

          Künstliche Distanz

          „Ich bin hin- und hergerissen“, sagt er im Gespräch in Paris, im Büro seines französischen Verlegers Philippe Rey. Auf der einen Seite sehe er sich nicht als Symbol, auf der anderen könne er ja nicht einfach ignorieren, dass andere ihn durch die Vergabe dieses Preises als solches betrachten wollen: „Es sind immer die anderen, die einen zu einem Versprechen oder einer Hoffnung machen. Ich wünsche mir sehr, dass sie recht haben. Dass dieser Preis einen Einfluss haben und für die nächste Generation an senegalesischen Schriftstellern etwas bewegen wird. Ich hoffe, es wird sie ermutigen und dazu beitragen, die künstliche Distanz zwischen ‚französischsprachiger Literatur aus Afrika‘ versus ‚aus Frankreich‘ aufzuheben. Es wäre schön, wenn es so wäre. Es kann aber auch sein, dass es überhaupt nichts bewirkt und das System sich einfach weiter dreht wie bisher, das kann ich bisher nicht beurteilen.“

          Er sei wahnsinnig gespannt darauf, sagt er, trotzdem sei es für ihn anstrengend, immer darüber zu sprechen, weil er glaube, dass es wichtig sei, nicht aus den Augen zu verlieren, weshalb man ursprünglich mal zum Symbol geworden sei. In seinem Fall wegen eines Romans.

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