https://www.faz.net/-gqz-9rxmu

Sowjetische Architektur : Sonnenstadt mit Schönheitsflecken

Der weißrussische Architekt Juli Spit errichtete diese preisgekrönte Wohnanlage am Tolbuchin-Boulevard in Minsk 1966. Bild: BGANTD

Industrielle Normware, aber qualitätvoll produziert und formstark verarbeitet: Die belarussische Hauptstadt ist stolz auf ihren spätsowjetischen Wohnungsbau.

          4 Min.

          Um die modernistische Architektur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zu studieren, gibt es keinen besseren Ort als Minsk. Da die belarussische Hauptstadt auf dem Durchmarschgebiet der großen Kriege lag, hat sich aus ihrer fast tausendjährigen Geschichte kaum ein Baudenkmal erhalten. Auf verbrannter Erde haben sowjetische Stadtplaner hier eine sozialistische Mustermetropole errichtet, deren fassadenhafte Idealität von dem Minsker Autor Artur Klinau, der auch Architekt und Künstler ist, in seinem Kultbuch „Sonnenstadt der Träume“ als Bühnenbild des gescheiterten Sowjetprojekts gedeutet wurde. In Weißrussland, das von Präsident Alexandr Lukaschenka autoritär regiert wird, sich aber nicht in eine Oligarchie verwandelt hat, wird das sowjetische Erbe mehr als anderswo gepflegt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hier erzielte aber auch der Fertigteil- und Plattenbau vergleichsweise vorzeigbare Ergebnisse. So war es nur konsequent, dass die vom Goethe-Institut mit einem internationalen Kuratorenteam organisierte Wanderausstellung „Die Stadt von morgen“ bei ihrer Station in Minsk den dortigen Wohnungsbau in den Fokus nimmt. Die Schau ist noch bis zum 23. Oktober im Palast der Künste geöffnet. Gegen Ende des Jahres wird sie in der Neuen Tretjakow-Galerie in Moskau zu sehen sein, bevor sie im kommenden Jahr nach Nowosibirsk, Kiew und Tiflis weiterzieht.

          Den lokalen Teil der Schau hat der aus Minsk stammende, heute in Edinburgh lehrende Architekturhistoriker Dimitrij Zadorin kuratiert, dessen Stadtführung bei Studenten diverser Fachrichtungen großen Zuspruch findet. Zadorin zeigt, wie nach dem Verbot architektonischer „Überflüssigkeiten“ durch Parteichef Chruschtschow in den fünfziger Jahren die Baukörper kahl werden, und wie nach Chruschtschows Ukas über die industrielle Fertigung die Ziegel- durch Blockbauweise abgelöst wird. Was für Moskau die „Chruschtschowki“ sind, jene fünfstöckigen Wohnhäuser ohne Lift, die derzeit abgerissen und zumeist durch Wohntürme ersetzt werden, sind für Minsk zweistöckige spätstalinistische Arbeiterappartementhäuser, die nach ihrem Architekten Michail Osmolowski „Osmolowki“ heißen und jetzt ebenfalls verschwinden.

          Da Weißrussland keine Bodenschätze besitzt, startete die Industrialisierung hier erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit Maschinenbaubetrieben, elektro- und bautechnischen Firmen, von denen viele in der Sowjetunion führend wurden. Seit den späten fünfziger Jahren wuchsen überall im riesigen Land nahezu identische Wohnhäuser aus standardisierten Fertigteilen empor. Die Ausstellung zeigt, dass die Sowjetunion solche Typenbauten später auch nach Kuba, Chile oder Jugoslawien exportierte. Dass in der belarussischen Hauptstadt dabei die Normware qualitätvoll produziert und formstark verarbeitet wurde, nannte man das „Minsker Phänomen“.

          Grazie in Beton: Das Minsker Café „Steinerne Blume“

          Beispiele dafür präsentiert der lokale Ausstellungsteil, der zu jeder Station der Tournee gehört. Mehrfach preisgekrönt wurde die von dem Architekten Juli Spit 1966 am Tolbuchin-Boulevard errichtete Wohnanlage, bei der achtstöckige Appartementblocks quer zur Straße angeordnet und an der Basis durch einen gestuften Flachbau mit Geschäften verbunden sind, den auf der einen Seite der Glaszylinder des Cafés „Steinerne Blume“, auf der anderen der neokonstruktivistische Glaskasten des Kinos „Partisan“ abschließen. Beide Nutzbauten wurden inzwischen freilich stark verändert. Zehn Jahre später ließ Georgi Syssojew an der Stadtausfahrt Richtung Moskau vier lange Wohnblocks mit rhythmisierten Balkonen auf die Straße zulaufen, die Dachgärten überwölbt von Betonpergolen. Die Schmalwände der in großzügigen Abständen stehenden Bauten ließ Syssojew durch riesige Mosaiken zu den Themen Arbeit, Kultur, Wissenschaft und Verteidigung schmücken. Solche Ensembles hätten nur entstehen können, weil Architekten, Baufirmen und Machthaber gewissenhaft kooperierten, erklärt Zadorin bei der Vernissage. Bei heutigen Investitionsbauten würden möglichst hohe Türme möglichst eng plaziert, weil Verwaltungsfunktionäre große Rückläufe verlangten.

          Funktionalistische Ästhetik: Das Foyer des Kinos „Partisan“ von Juli Spit

          Die amerikanische Architekturkritikerin und Mitkuratorin Anna Kats glaubt, dass die Wohnungsbauprogramme der früheren Sowjetunion heute auch für die entwickelten Länder interessant würden. Denn der soziale Zusammenhalt der westlichen Gesellschaften sei gefährdet, so Kats, die im georgischen Tiflis geboren wurde, von wo der Nationalismus der neunziger Jahre ihre Familie vertrieb. Kats imponiert, dass der Sowjetmodernismus den Architekten umfassende gesellschaftliche Aufgaben zuwies wie den Bau neuer Stadtteile für zigtausend Menschen. Außerdem plädiert sie dafür, stilistische Milieus wie den funktionalen Brutalismus gegenüber architektonischen Einzelleistungen ästhetisch aufzuwerten.

          Leider achteten die Bewohner der ehemaligen Sowjetrepubliken ihr modernistisches Bauerbe oft nicht, ergänzt der armenische Künstler und Kurator Ruben Arevshatyan. Sie hätten das Gefühl, das untergegangene Sowjetsystem habe sie von der Weltzivilisation abgeschnitten. Das fördere Zynismus und den Wunsch, sowjetische Bauwerke abzuräumen. Die Privatisierung und der Druck von Investoren hätten dann viele öffentliche Räume und Architekturdenkmäler zerstört, klagt Arevshatyan. In Eriwan wurde etwa das Freilichkino „Moskwa“, ein Meisterwerk der Architekten Geworg Kotschar und Telman Geworgjan aus den sechziger Jahren, teilweise abgerissen. Nur dank öffentlicher Proteste bleibt es nun doch erhalten. Umso wichtiger findet Arevshetyan die Signalwirkung, die vom Engagement der Getty-Stiftung bei der Restauration und Konservierung einer sowjetarmenischen „Ikone“ von Geworgjan ausgeht, dem 1968 fertiggestellten Kantinenrundbau des Schriftstellersanatoriums am Sewan-See, der wie ein verglastes Raumschiff über den Wassern schwebt.

          Der Mosaikschmuck des sowjetischen Wohnhauses zitiert christliche Heiligenfiguren.

          Die von Vorträgen über das Bauhaus und dessen Wissenstransfer in die Sowjetunion flankierte Schau vergegenwärtigt, dass der Sowjetmodernismus auf der Höhe seiner Zeit war. Sie erinnert an die „Rote Bauhausgruppe“ um Hannes Meyer und an Margarete Schütte-Lihotzky, die Erfinderin der funktionalistischen „Frankfurter Küche“, die in den dreißiger Jahren Städte im Ural und in Sibirien konzipierten. Der sowjetische Funktionalismus während des Kalten Kriegs war auch Ausdruck des Primats von wissenschaftlich-technischem Fortschritt, in den die Parteiführung investierte. Dabei entstanden viele Bauten, die einem „westlich“ individualistischen Lebensstil Rechnung trugen wie Cafés, Heiratspaläste, Kaufhäuser, deren Konsumangebot freilich dürftig blieb. Zugleich transportierte diese Architektur aber schon die Renaissance des vorrevolutionären nationalen Erbes, die die Sowjetmacht einst zu Fall bringen würde, wenn etwa die 1971 begonnene Kaskade in Eriwan Embleme des protoarmenischen Reichs Urartu zitiert oder der Mosaikschmuck an Syssojews Minsker Wohnblock christliche Heiligenfiguren. Doch Belarussland, das die riesige, muschelförmige Markthalle im Minsker Stadtteil Komarowka von 1979 zum Denkmal erklären will, schätzt seinen Sowjetmodernismus. Die Architekturstudentin Valeria ist stolz auf den spätsowjetischen Koloss ihrer Hochschule, der wie ein steinernes Flugzeug am Unabhängigkeitsprospekt emporragt. Und der weißrussische Künstler Sergej Shabochin liebt sogar die marmorierte Plastikfolie, mit der die Stadtväter Graffiti überkleben, als einzigartige Schönheitspflaster am Minsker Stadtkörper.

          Weitere Themen

          Gespür als Talent

          Zum Tod von Mathias Schreiber : Gespür als Talent

          Über das Erbe des Kolonialismus und Raubkunst schrieb er schon vor fast vierzig Jahren. Doch nicht nur bei diesem Thema war der Feuilletonist Mathias Schreiber anderen weit voraus. Jetzt ist er im Alter von 76 Jahren gestorben.

          Die Revolution ist abgesagt

          Papst feiert Priesterjubiläum : Die Revolution ist abgesagt

          Dante, Weltfrieden und ein kleines Gästezimmer: Hat sich Papst Franziskus wirklich von der klassischen vatikanischen Außenpolitik abgekehrt – oder betreibt er seit Jahren deren konsequente Fortentwicklung?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.