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Sowjetische Architektur : Sonnenstadt mit Schönheitsflecken

Funktionalistische Ästhetik: Das Foyer des Kinos „Partisan“ von Juli Spit

Die amerikanische Architekturkritikerin und Mitkuratorin Anna Kats glaubt, dass die Wohnungsbauprogramme der früheren Sowjetunion heute auch für die entwickelten Länder interessant würden. Denn der soziale Zusammenhalt der westlichen Gesellschaften sei gefährdet, so Kats, die im georgischen Tiflis geboren wurde, von wo der Nationalismus der neunziger Jahre ihre Familie vertrieb. Kats imponiert, dass der Sowjetmodernismus den Architekten umfassende gesellschaftliche Aufgaben zuwies wie den Bau neuer Stadtteile für zigtausend Menschen. Außerdem plädiert sie dafür, stilistische Milieus wie den funktionalen Brutalismus gegenüber architektonischen Einzelleistungen ästhetisch aufzuwerten.

Leider achteten die Bewohner der ehemaligen Sowjetrepubliken ihr modernistisches Bauerbe oft nicht, ergänzt der armenische Künstler und Kurator Ruben Arevshatyan. Sie hätten das Gefühl, das untergegangene Sowjetsystem habe sie von der Weltzivilisation abgeschnitten. Das fördere Zynismus und den Wunsch, sowjetische Bauwerke abzuräumen. Die Privatisierung und der Druck von Investoren hätten dann viele öffentliche Räume und Architekturdenkmäler zerstört, klagt Arevshatyan. In Eriwan wurde etwa das Freilichkino „Moskwa“, ein Meisterwerk der Architekten Geworg Kotschar und Telman Geworgjan aus den sechziger Jahren, teilweise abgerissen. Nur dank öffentlicher Proteste bleibt es nun doch erhalten. Umso wichtiger findet Arevshetyan die Signalwirkung, die vom Engagement der Getty-Stiftung bei der Restauration und Konservierung einer sowjetarmenischen „Ikone“ von Geworgjan ausgeht, dem 1968 fertiggestellten Kantinenrundbau des Schriftstellersanatoriums am Sewan-See, der wie ein verglastes Raumschiff über den Wassern schwebt.

Der Mosaikschmuck des sowjetischen Wohnhauses zitiert christliche Heiligenfiguren.

Die von Vorträgen über das Bauhaus und dessen Wissenstransfer in die Sowjetunion flankierte Schau vergegenwärtigt, dass der Sowjetmodernismus auf der Höhe seiner Zeit war. Sie erinnert an die „Rote Bauhausgruppe“ um Hannes Meyer und an Margarete Schütte-Lihotzky, die Erfinderin der funktionalistischen „Frankfurter Küche“, die in den dreißiger Jahren Städte im Ural und in Sibirien konzipierten. Der sowjetische Funktionalismus während des Kalten Kriegs war auch Ausdruck des Primats von wissenschaftlich-technischem Fortschritt, in den die Parteiführung investierte. Dabei entstanden viele Bauten, die einem „westlich“ individualistischen Lebensstil Rechnung trugen wie Cafés, Heiratspaläste, Kaufhäuser, deren Konsumangebot freilich dürftig blieb. Zugleich transportierte diese Architektur aber schon die Renaissance des vorrevolutionären nationalen Erbes, die die Sowjetmacht einst zu Fall bringen würde, wenn etwa die 1971 begonnene Kaskade in Eriwan Embleme des protoarmenischen Reichs Urartu zitiert oder der Mosaikschmuck an Syssojews Minsker Wohnblock christliche Heiligenfiguren. Doch Belarussland, das die riesige, muschelförmige Markthalle im Minsker Stadtteil Komarowka von 1979 zum Denkmal erklären will, schätzt seinen Sowjetmodernismus. Die Architekturstudentin Valeria ist stolz auf den spätsowjetischen Koloss ihrer Hochschule, der wie ein steinernes Flugzeug am Unabhängigkeitsprospekt emporragt. Und der weißrussische Künstler Sergej Shabochin liebt sogar die marmorierte Plastikfolie, mit der die Stadtväter Graffiti überkleben, als einzigartige Schönheitspflaster am Minsker Stadtkörper.

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