https://www.faz.net/-gqz-89skf

Modernisiertes Russland : Öffentliches Leben nach dem Modell der Krim-Besetzung

  • -Aktualisiert am

Russische Polizisten sind heute zumeist freundlich und fromm wie hier beim Empfang der heiligen Osterflamme aus Jerusalem auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Bild: Imago

Russland modernisiert sich doch. Die Fassade vor der politischen Hexenjagd ist anständig geworden. Und die russisch-orthodoxe Kirche wird zur Handelsmarke.

          Das Lieblingslied beim russischen Polizeiradiosender „Welle der Miliz“ (Milizejskaja wolna) sagt alles: „Bemitleide mich!“ heißt der sentimentale Evergreen, in dem ein samtiger Bariton sein verkorkstes Leben voller Sünden und Irrwege besingt, dem allein bedingungslos madonnenhafte Liebe etwas Wärme schenken könne. Russische Polizisten sind wirklich zu bemitleiden. Sie gelten als dumm, sadistisch und korrupt, sie müssen Planzahlen gelöster Fälle abliefern und dürfen nicht ins Ausland reisen. Umso eindrucksvoller ist ihr neues Image. Denn die altbekannten, missmutigen Schirmmützenträger, die Passanten nur anbellen und nach einem Vorwand suchen, ihnen Geld abzuknöpfen, findet man in Moskau nicht mehr. Sie wurden abgelöst von paramilitärisch schwarzuniformierten, trainiert wirkenden Männern – und einigen Frauen –, die umsichtig und korrekt den öffentlichen Raum bewachen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man kann heute einen russischen Polizisten getrost nach dem Weg fragen und bekommt eine lakonisch knappe, kompetente Antwort, oft ohne angeschaut zu werden. Die Babuschka, die an der Metro Blumen verkauft, wird nicht brutal verscheucht, sondern korrekt gebeten, ein paar Meter weiterzugehen. In der Fußgängerzone Arbat patrouilliert eine „Touristenpolizei“, die mit Jugendlichen, die sich vor der Graffiti-Gedenkwand für den Rockstar Viktor Zoi fläzen, ein didaktisches Gespräch anknüpft.

          Was ist geschehen? Zum einen zwangen der Ukraine-Konflikt und die Polizeireform im geschmähten Bruderland die Machthaber zu reagieren. Zum andern verarmen infolge der westlichen Sanktionen und des niedrigen Ölpreises große Bevölkerungsteile rapide. Die Kremlherren haben es aufgegeben, ihr Land zu modernisieren, sie spannen dafür alle Kräfte an, um das überdehnte Territorium zu sichern. Es ist das Komplementärbild von Europa. Dessen Gesellschaften lassen das Fleisch und Blut der Menschenmassen möglichst ungehindert zirkulieren und anschwellen, scheinbar ohne Rücksicht auf die Belastbarkeit von Stütz- und Begrenzungsapparaten. Russland hingegen stärkt Haut, Knochen und Sehnen seiner Gewaltorgane, die den immer magerer werdenden Volkskörper umspannen.

          Die „höflichen Leute“

          Eine politische Hexenjagd soll ihn zähmen. Soeben verlor der Galerist Marat Guelman sein Moskauer Ausstellungslokal, weil er eine Kunstauktion zugunsten politischer Gefangener abhielt. Die Moskauer Bibliothek für ukrainische Literatur wurde geschlossen, wogegen der russische PEN-Klub förmlich protestiert hat. Als Druckmittel gegen den Korruptionsjäger Alexej Nawalnyj wurde sein Bruder Oleg ins Gefängnis geworfen. Nawalnyjs Blog-Eintrag, in dem er die „Partei der Gauner und Diebe“, wie er die Kremlpartei „Einiges Russland“ nennt, an ihren Wahlversprechen misst, wurde als angeblich jugendgefährdend verboten. Leitende Kader haben ihre Kinder in Führungspositionen der Außenhandels- und der Agrarbank, von Gasprom und der Tretjakow-Galerie eingeschleust. Da sorgt das Ausmerzen der Kleinkorruption bei den Ordnungshütern immerhin für eine saubere Fassade.

          Das Modell für die neue Anständigkeit sind die „höflichen Leute“, die im vorigen Jahr bewaffnet, aber ohne Armeeabzeichen die Krim besetzt haben. Das ist die machtgestützte Höflichkeit des militärischen Souveräns. Daher kultiviert Präsident Putin, der eigentlich für sein cholerisches Temperament bekannt, ist, nun einen „englischen“ Stil. Während seine Fernsehpropagandisten wild gegen Amerika und Europa giften, bleibt der Kremlherr, auch wenn es in ihm kocht, beherrscht und redet von „unseren westlichen Partnern“. Die „höflichen Leute“, die mit Maschinenpistole und Tarnanzug die russische Souveränität symbolisieren, wurden zu Helden vieler Popsongs und Musikvideos und sind bis heute das Lieblingsdekor patriotischer T-Shirts.

          Jetzt wird das Modell also innenpolitisch angewandt. In Moskau, auch Hauptstadt russischer ziviler und intellektueller Widerspenstigkeit, sind die „höflichen Leute“ überall. In der Metro marschieren Schwarzuniformierte in Vierertrupps. Allenthalben sieht man Polizeischüler, kenntlich am auf dem Blouson aufgenähten K für kursant, das früher Armeekadetten vorbehalten war. Orthodoxe Priester segnen die Nachwuchskräfte und erklären ihnen die heiligen russischen Traditionen, die von westlichen Mächten bedroht würden. Polizeifolterskandale sind merklich zurückgegangen, was auch damit zusammenhängen mag, dass vor allem Spezialmethoden eingesetzt werden, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

          Weitere Themen

          Das Ende der Metapher

          Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

          Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.
          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.