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Andrea Diener, Redakteurin im Feuilleton

Eingeschneit : Moderne Robinsonaden

  • -Aktualisiert am

Gesundes Essen, flauschige Tiere: Robinson Crusoe hat es sich auf seiner Insel gemütlich gemacht. Bild: picture-alliance

In einer Zeit, in der es kaum noch einsame Inseln gibt, führen moderne Erzählungen vom Gestrandetsein in englische Pubs und dänische Ikea-Filialen.

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          Ohne Stürme, Schiffe und einsame Inseln wäre die Literatur der frühen Neuzeit um einiges ärmer. Ständig strandeten fiktive Seefahrer an fiktiven Gestaden und trafen auf wahlweise nachahmenswerte oder abschreckende Beispiele in Sachen Politik und Lebensgestaltung, weshalb diese Abenteuergeschichten eine Menge Gesellschaftskritik im Gepäck haben.

          Einer der bekanntesten Vertreter dieses Genres, ein gewisser Robinson Crusoe, findet seine einsame Insel derart öde und wild vor, dass er nach Kräften Infrastruktur errichtet und mit dem einzigen Freund, den er dort aufliest, ein Staatsgebilde nach britischem Vorbild mit sich selbst als Oberhaupt installiert. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es dank Zivilisation und Seenotrettung immer schwieriger, jahrelang auf abgelegenen Inseln verloren zu gehen. Wer als Autor heute noch das Genre der Robinsonade wählt, wie etwa die Drehbuchschreiber der Serie „Lost“, der muss eine ganze Menge Metaphysik über dem Plot ausbreiten, um ihn halbwegs glaubhaft erscheinen zu lassen.

          In letzter Zeit erreichen uns aber hochinteressante Berichte von Gestrandeten inmitten der Zivilisation, die diesem halbvergessenen Genre neuen Schwung verleihen. In einem Pub im Norden Yorkshires etwa harrten 61 Gäste drei Nächte lang aus. Es gab Bier, genug zu essen, ein Feuerchen im Kamin, Karaoke und eine miteingeschneite vollständige Oasis-Coverband. Die Stimmung war also gar nicht übel; und glaubt man den Aussagen der Wirtin, halfen die Gäste sogar freiwillig beim Spülen.

          Ein Hund war auch dabei: Eingeschneite Briten bester Laune beim Pub-Quiz im „Tan Hill Inn“.
          Ein Hund war auch dabei: Eingeschneite Briten bester Laune beim Pub-Quiz im „Tan Hill Inn“. : Bild: dpa

          Eine weitere Gruppe traf es im dänischen Aalborg: Dort schlug ein Schneesturm so heftig zu, dass ein Ikea-Möbelhaus Zuflucht für ein Häuflein Angestellter und Autofahrer wurde, die es nicht mehr nach Hause schafften. Berichten zufolge hielten sie es in den ausgestellten Betten gut aus, schauten fern, spielten Karten und aßen Zimtschnecken. Ein Staatsgebilde hat unseres Wissens nach niemand installieren wollen, denn alles fand sich bereits in schönster Ordnung. Wenn die Inseln, auf denen man strandet, ein skandinavisches Möbelparadies oder ein plüschiger Pub sind, was lässt sich da bitte noch verbessern? Die einzigen Utopien, die man noch ausleben kann, bestehen darin, alle Termine abzusagen, sich ein Bier einzuschenken, eine eingeschworene Schicksalsgemeinschaft zu bilden und Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Welche Gesellschaftskritik wohl in diesen modernen Robinsonaden verpackt ist? Wir wagen es vor Feierabend kaum zu denken.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

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