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Moderne Kunst : Hier sinkt nur Minotaurus zu Boden

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Spitzenlos der Frühjahrsauktionen in London: Pablo Picassos „Femme au costume turc dans un fauteuil“ von 1955 bei Christie’s für geschätzte 20 bis 25 Millionen Euro. Bild: dpa

Die Auktionen mit Impressionismus, Moderne und Surrealismus in London zeigen, wie wichtig die Provenienzen sind. Ein Blick auf das Angebot.

          5 Min.

          Mehr als dreißig Jahre hing das Bild als Leihgabe in der Münchner Pinakothek der Moderne, nun führt es als Spitzenlos die Abendauktion mit Impressionismus und Moderne bei Christie’s in London am 4.Februar an: Pablo Picassos Gemälde „Femme au costume turc dans un fauteuil“ aus dem Jahr 1955. Seit 1958 befand es sich in Privatbesitz. Mit fünfzehn bis zwanzig Millionen Pfund ist das Werk nicht nur das höchsttaxierte Los bei Christie’s, sondern der gesamten Londoner Frühjahrsauktionen. Das Gemälde ist eine Liebeserklärung an Picassos damalige Geliebte Jacqueline Roque, die 1961 seine zweite Ehefrau werden sollte. In exotisch-gemusterte Tracht gekleidet, erinnert sie an die verführerischen Haremsdamen auf Eugène Delacroix’ „Les femmes d’Alger dans leur appartement“. Picasso hielt Jacqueline mehrmals als Frau aus dem Serail fest; ein ähnliches Motiv, „Femme accropie au costume turc“, war einem Bieter 2007 bei Christie’s in New York mehr als dreißig Millionen Dollar wert.

          Sotheby’s tritt bei seiner Abendauktion am 5. Februar mit einem im Jahr 2000 restituierten Gemälde von Pissarro als Spitzenlos an: „Le Boulevard de Montmartre“ von 1877 aus der Sammlung Max Silberberg ist auf sieben bis zehn Millionen Pfund geschätzt. Der Industrielle und Kunstsammler, der 1942 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, hatte das impressionistische Gemälde 1935 zwangsweise verkaufen müssen. Nach Umwegen über die Vereinigten Staaten landete das Bild im Israel Museum in Jerusalem, das „Le Boulevard de Montmartre“ schließlich an die Erben von Max Silberberg zurückgab.

          Die „Nature morte à la nappe à carreaux“ von Juan Gris aus dem Jahr 1915 war auf 12 bis 18 Millionen Pfund geschätzt und brachte spektakuläre 31 Millionen.
          Die „Nature morte à la nappe à carreaux“ von Juan Gris aus dem Jahr 1915 war auf 12 bis 18 Millionen Pfund geschätzt und brachte spektakuläre 31 Millionen. : Bild: Christie’s

          Doch zurück zu Christie’s, die als erste vorlegen müssen. Das Auktionshaus präsentiert sein Frühjahrsangebot mit moderner Kunst in zwei getrennten Versteigerungen, an einem Abend: „Impressionist& Modern Art“ und „The Art of the Surreal“. Im Katalog mit Impressionismus und Moderne sind insgesamt 48 Werke verzeichnet. Darunter sind sechs Gemälde aus der Sammlung der Kunsthistorikerin und des Architekturhistorikers Carola und Sigfried Giedion-Welcker, die zu Lebzeiten viele Arbeiten direkt bei den Künstlern erwarben. Diese gute Provenienz könnte Sammlern einiges wert sein: zum Beispiel für Juan Gris’ kubistische „Nature morte à la nappe à carreaux“ aus dem Jahr 1915 mit geschätzten zwölf bis achtzehn Millionen Pfund oder für Piet Mondrians „Composition No.II with Blue and Yellow“ von 1930 für acht bis zwölf Millionen Pfund. Aus der Sammlung des Kunsthändlers Louis Carré versteigert Christie’s Fernand Légers 1918 entstandenes Werk „Les cylindres colorés“, für das fünf bis sieben Millionen Pfund erwartet werden. Aus dem Bestand des Kunstsammlers Ayala Zacks-Abramov kommt Henri Moores Skulptur „Mother and Child with Apple“ zum Aufruf, deren Schätzung mit 2,3 bis 3,5 Millionen Pfund beziffert wird.

          Das Museum of Modern Art in New York trennt sich von einer im Jahr 1951 gegossenen Bronze Alberto Giacomettis „Trois hommes qui marchentI“ und kündigt begleitend an, den Erlös für Ankäufe zu verwenden. Die 72 Zentimeter hohen, schlanken Männer in Bewegung sind auf 6,2 bis acht Millionen Pfund geschätzt. Die Plastik war 1967 als Geschenk der New Yorker Galerie Sidney Janis ans Museum gekommen.

          Wer hat Angst vorm Jägersmann? René Magrittes Bild „Les chasseurs au bord de la nuit“ von 1928 brachte Christie’s in London 5,8 Millionen Pfund (6/9 Millionen) ein.
          Wer hat Angst vorm Jägersmann? René Magrittes Bild „Les chasseurs au bord de la nuit“ von 1928 brachte Christie’s in London 5,8 Millionen Pfund (6/9 Millionen) ein. : Bild: dpa

          Noch dringender als das MoMA braucht anscheinend der Staat Portugal Geld und hat sich – Bürgerprotesten zum Trotz – zur Versteigerung von 85 Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen von Juan Miró im Rahmen der Abendauktion „The Art of the Surreal“ bei Christie’s entschieden, die alle aus dem Besitz der einstigen Privatbank BPN stammen; das Institut wurde 2009 verstaatlicht. Teil des Konvoluts ist das Gemälde „Femmes et oiseaux“ aus dem Jahr 1968, ausgezeichnet mit einer Erwartung von vier bis sieben Millionen Pfund. Die Gesamtschätzung für alle Miró-Werke aus BPN-Besitz liegt bei dreißigMillionen Pfund.

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