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Kolumne von Emanuel Derman : Tun, was man tun will

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Ein verwirrende Lektüre

Mit einiger Mühe vermochten viele die Schwinger-Tomonaga-Methode zu verstehen, aber nur wenige besaßen die Fähigkeit, sie auch anzuwenden. Niemand verstand, weshalb Feynmans Methode zu gültigen Ergebnissen führen sollte, aber wenn man das einmal unterstellte, war sie leicht anzuwenden. Dyson, der keinen Doktortitel besaß (er sollte auch später nie promovieren) und der aus Großbritannien in Amerika zu Besuch weilte, war der Einzige, der sich in beide Ansätze vertiefte, und nach einer Erleuchtung in einem Greyhound-Bus zeigte er, dass Feynmans leichte anschauliche Methoden streng aus Schwingers traditionellem Ansatz folgten. Seither verwenden alle Physiker Feynman-Diagramme. Man kann sich das Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. 1965 erhielten Feynman, Schwinger und Tomonaga den Nobelpreis für Physik. Viele meinen, Dyson hätte gleichfalls berücksichtigt werden sollen, doch er selbst sagt bescheiden, er sei eher ein technischer Vermittler als der Urheber der erfolgreichen Theorien gewesen.

Als ich die Innenansichten las, war ich beeindruckt von Dysons einfühlsamer, respektvoller und zartfühlender Darstellung seiner Beziehung zu Feynman zur Zeit ihrer großen Entdeckungen dreißig Jahre zuvor. Doch der Rest des Buchs, obwohl äußerst interessant, verwirrte mich. Damals glaubte ich, ein Physiker solle sich der Grundlagenforschung widmen. Aber in vielen der restlichen Kapitel befasste Dyson sich mit ingenieurtechnischen Problemen, die mir damals eines Mannes nicht würdig erschienen, der so große Beiträge zu den Grundlagen der Physik geleistet hatte und vielleicht noch geleistet hätte.

Ein Amateur im besten Sinne des Wortes

Wenn man aber Schewes Biographie und dann nochmals die Innenansichten liest, erhält man einen gewissen Eindruck von Dysons unbekümmerter Authentizität. In einem Vorwort zu „Mathematics as Metaphor“, einem Band mit Essays des russischen Mathematikers Yuri Manin, schrieb Dyson kürzlich:

„Manche Mathematiker sind Vögel, andere sind Frösche. Vögel fliegen hoch in die Luft und verschaffen sich einen weiten, bis an ferne Horizonte reichenden Überblick über die Mathematik. Sie begeistern sich für Konzepte, die unserem Denken Einheit verleihen ... Frösche leben im Schlamm und sehen nur die in der Nähe wachsenden Blumen. Sie begeistern sich für die Details einzelner Objekte, und sie lösen ein Problem nach dem anderen. Ich gehöre zu den Fröschen, aber viele meiner besten Freunde sind Vögel.“

Dyson, der in seinen Zwanzigern als der „vielleicht beste Mathematiker Englands“ gerühmt wurde, machte eine große Entdeckung auf dem Gebiet der Physik, blieb dann aber ein Amateur im besten Sinne des Wortes.

„Do I dare disturb the universe?“ (Wage ich es, das Universum zu stören?), fragt der Protagonist in T. S. Eliots „The Love Song of J. Alfred Prufrock“. „Ich habe gehört, wie die Meerjungfrauen einander zusangen, eine der anderen.“ Dyson scheint beides getan zu haben. 1979 liegt weit zurück. Heute bin ich sehr viel älter als damals und weiß zu schätzen, dass Dyson - um es mit dem Lou-Reed-Song „Doin’ the Things That We Want To“ zu sagen - stets getan hat, was er tun wollte. Alle sollten dieses Glück haben.

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