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Kolumne von Emanuel Derman : Sie wollen alles vorhersagen

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Die Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2013: Eugene Fama und Lars Peter Hansen Bild: AP

Ist Ökonomie eine Wissenschaft? Selbstverständlich. Nur hat sie weniger mit den Naturwissenschaften gemein als mit der Philosophie und den Geisteswissenschaften. Zutreffender ist die Bezeichnung Protowissenschaft.

          Eugene Fama, Robert Shiller und Lars Hansen sind mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden. Um ihre Beiträge zu verstehen, habe ich einige ihrer Arbeiten nochmals gelesen.

          Fama, Professor der Finanzwissenschaft, eines Teilgebiets der Wirtschaftswissenschaften, ist durch seine Effizienzmarkthypothese (EMH) aus den sechziger Jahren berühmt geworden. Diese Hypothese besagt, dass sich unmöglich voraussagen lässt, ob der Kurs einer Aktie im nächsten Augenblick steigen oder sinken wird. Famas Veröffentlichung aus dem Jahr 1965 war eine sorgfältige Untersuchung historischer Daten und eine Analyse der Voraussetzungen, die zu der These berechtigen, Aktienkurse seien nicht vorhersagbar. Aktienkurse, so behauptete er, bewegen sich so, dass „der zukünftige Weg des Kurses eines Wertpapiers ebenso wenig vorhersagbar ist wie der Weg einer Reihe kumulierter Zufallszahlen, das heißt, wie eine sogenannte Irrfahrt oder ein Random-Walk.“ Die Effizienzmarkthypothese war eine listige Antwort auf einen Teil der Wirtschaftswissenschaftler, eine Antwort, die eine Schwäche in eine Stärke zu verwandeln versuchte: Ich bin bei Vorhersagen erfolglos, also erhebe ich das zu einem Prinzip.

          Der Aktienkurs ist eine Primadonna

          Zweifellos lässt sich nur unglaublich schwer voraussagen, ob ein Kurs in einem bestimmten Zeitraum steigen oder fallen wird, und in diesem Sinne zerstören Märkte effizient unsere Fähigkeit, ihre Entwicklung vorauszusagen. Man könnte Famas Hypothese mit der Theorie der Evolution durch natürliche Selektion vergleichen, da sie eine prinzipielle Aussage trifft. Man könnte sie auch mit den Kepplerschen Gesetzen der Planetenbewegung vergleichen, da sie versucht, Bewegungsmuster zu erkennen. Aber diese Vergleiche wären allzu schmeichelhaft, denn Mendels Kreuzungsversuche und die Entdeckung der Bedeutung der DNA als Erbmaterial bieten eine Fülle von Bestätigungen und Mechanismen, und Keplers präzise mathematische Beschreibung der Planetenumlaufbahnen hält der Beobachtung sehr viel strenger stand, als das für die von Fama behaupteten Regelmäßigkeiten gilt.

          Famas Mitpreisträger Shiller ist ein Wirtschaftswissenschaftler, der sich auf die Finanzwissenschaft spezialisiert hat. Sein Beitrag bestand darin, dass er gut fünfzehn Jahre nach der Formulierung der Effizienzmarkthypothese ein Loch in dieses Gebilde bohrte. Für Fama bildete die Effizienz die Garantie für die Nichtvorhersagbarkeit der Kursbewegungen. Shillers Publikationen aus den achtziger Jahren zeigten, dass Märkte in einem anderen Sinne ineffizient sind. Er demonstrierte, dass Kurse zwar unvorhersehbar fluktuieren, aber weitaus dramatischer nach oben und unten ausschlagen als die zukünftigen Dividenden, die sie den Aktienbesitzern am Ende einbringen. Das ist sonderbar, weil in einer rationalen Welt gerade die zukünftigen Dividenden die Belohnung für den Kauf der Aktie darstellen. Man könnte sagen, Aktienkurse sind Primadonnen, während Dividenden – um die Metaphern zu vermischen – lediglich Corps de ballet sind. Aktienkurse sind im Vergleich zu Dividenden bipolar, und es zeigt sich, dass sie am Ende fallen, falls sie zu hoch sind, und steigen, falls sie zu niedrig sind. Es gibt kaum Zweifel, dass Shiller gleichfalls ein zutreffendes Muster erkannte.

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