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Kolumne von Emanuel Derman : Jetzt sitzen wir hier, und das ist eigentlich gut so

  • -Aktualisiert am

Auf einer weißen Seidenbluse: Faltenwurf des Lebens Bild: picture alliance / landov

Eine zufällige, aber bemerkenswerte Begegnungen in einem Flughafenhotel: Die Seidenfrau und die Wollfrau erzählen von Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung.

          5 Min.

          Der Nachtflug nach Europa begann pünktlich. Ich schickte eine letzte E-Mail, bevor die Kabinentüren geschlossen wurden, und schaltete mein Handy aus. Die Flugbegleiterin sammelte die Wasser-, Orangensaft- und Champagnergläser ein. Ich sah mich um: Rechts von mir, auf der anderen Seite des Gangs, saß eine gut aussehende Frau, die ich auf Ende fünfzig schätzte - füllig, das Haar mit blonden Strähnen und einem Anflug von Grau, die weiße Seidenbluse, deren obere Knöpfe geöffnet waren, in enge, dunkelblaue Jeans gesteckt, weder dreiviertellang noch ganz lang, Knöchel und Waden frei. Sie streifte ihre Espadrilles ab, zog ein paar lange dunkelblaue Strümpfe an und begann sich mit einer Creme aus ihrer Handtasche Gesicht und Hände einzureiben. Ich schaute ihr zu. Sie sah auf, und unsere Blicke trafen sich.

          (English version: „Meetings with Remarkable Women“)

          „Möchten Sie auch einmal meine Creme probieren?“, fragte sie. „Verzeihen Sie, dass ich hier in aller Öffentlichkeit meine Toilette mache. Im Flugzeug ist die Luft sehr trocken, das ist nicht gut für die Haut. Für niemanden.“ Sie war Ausländerin, irgendwo aus Europa. „Gern“, sagte ich. „Danke!“ Sie drückte mir aus ihrer Tube ein wenig Creme auf die Handfläche, und danach duftete ich nach Rosen.

          Zwischenlandung in der Flughafenbar

          Gleich links neben mir saß gleichfalls eine Frau, fünfundvierzig oder höchstens fünfzig Jahre alt, weniger elegant und weniger gut erhalten, mit mehr Falten in den Augenwinkeln und mehr senkrechten Linien über der Oberlippe, und trotzdem wirkte sie eindeutig jünger. Sie trug einen praktischen marineblauen Wollpulli und einen grauen Wollrock. Die Seidenfrau vertiefte sich in einen Roman von Ian McEwan, hielt alle paar Seiten inne, um ihr Mini-iPad hervorzuholen und ein paar Notizen einzutippen. Die Wollfrau holte ein deutsches Magazin hervor, blätterte es lustlos durch und begann dann, sich einen Film anzuschauen.

          Nach zwei Stunden Flug meldete sich der Pilot und kündigte eine außerplanmäßige Zwischenlandung in Goose Bay an: kein Notfall, nur ein „kleineres“ Problem mit dem elektrischen System des Flugzeugs, nichts Besorgniserregendes, aber die Regeln verlangten, dass es vor dem Weiterflug repariert wurde. Wir landeten ohne Zwischenfälle, und man informierte uns, dass wir die Nacht im Flughafenhotel verbringen und am späten Morgen weiterfliegen würden. Es war ein unerwartetes Abenteuer, ein bis dahin verlassenes Hotel auf einem verlassenen Flughafen spät am Abend, das die Passagiere zu wechselseitigem Mitgefühl anregte. Ein paar Stunden später fanden die beiden Frauen und ich uns in der Bar wieder; wir setzten uns, tranken guten Scotch und aßen billige Nachos. Die Bar blieb eigens wegen des Zustroms an Passagieren geöffnet.

          Er war nicht genug

          „Ich kenne keinen von Ihnen“, sagte die Seidenfrau nach einem Drink, einer Zigarette und ein paar wechselseitigen Erläuterungen zu Herkunft und Reiseziel. „Aber jetzt sitzen wir hier, und das ist eigentlich gut so. Wir werden uns höchstwahrscheinlich nie mehr begegnen. Deshalb möchte ich Ihnen etwas erzählen. Ich muss eine wichtige Entscheidung treffen und brauche jemanden, mit dem ich darüber reden kann.“ Wir schauten angemessen ernst drein und nickten.

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