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Kolumne von Emanuel Derman : Hey, Boss, ich hab Talent

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance / APA/picturede

Wer Menschen managen will, muss gern Macht erwerben und in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, die manche Menschen verletzen und andere belohnen. Warum ich lieber selbständig arbeite.

          4 Min.

          Es macht keinen Spaß, einen Boss zu haben. In den ersten fünfunddreißig Jahren meines Lebens hatte ich keinen. Ich wuchs auf, ging ins College, dann auf die Graduate School, und ich wurde theoretischer Physiker. Als Postdoc und dann als Assistenzprofessor schwamm ich oben, trat auf der Stelle oder ging unter, ganz nach der Qualität meiner Arbeit. Diese Qualität wurde natürlich von anderen beurteilt, aber sie waren nicht meine Bosse.

          (English Version: „Horrible Bosses“ by Emanuel Derman)

          Ich hatte das Gefühl, aus Liebe zu meinem Fachgebiet zu arbeiten, und das schien mir der beste Weg zu sein, durchs Leben zu gehen - ein großer Luxus, den nicht jeder hat. Aber aus Liebe zu arbeiten hat auch seine eigenen Bürden, von denen viele mit dem Umstand zusammenhängen, dass Liebe sich mit Ehrgeiz und, schlimmer noch, mit unrealistischem Ehrgeiz paart. Wie es kam - wie es kommen musste, würde Bokonon sagen -, sorgte die Macht der Umstände dafür, dass ich mich auf einen Job am Rande der Wirtschaftswelt einließ, in den damaligen AT & T Bell Laboratories. Und dort hatte ich meinen ersten Boss.

          Den Machtunterschied betont

          An der Universität war mein Büro meine Burg gewesen. Wenn ich so tun wollte, als wäre ich nicht da, war ich nicht da. Ich brauchte nicht zu antworten, wenn jemand an der verschlossenen Tür klopfte. Niemand konnte mir etwas. Keine Uhr diktierte, wo ich sein oder was ich tun sollte, von gelegentlichen Lehrverpflichtungen einmal abgesehen. Niemand konnte mir sagen, was ich tun oder woran ich arbeiten sollte. Und niemand konnte mir vorschreiben, ob ich an einem Nachmittag am Wochenende ins Kino ging und abends arbeitete oder an manchen Tagen gar nichts tat. Sie konnten nur auf lange Sicht meine Resultate beurteilen.

          In den Laboratories öffnete der Postverteiler einfach meine Tür und trat, ohne anzuklopfen, ein. Plötzlich war ich wie alle anderen und tat für Geld, was mein Boss wollte. Mein erster Vorgesetzter war ein netter Mensch. Er ließ mich gerne am späten Nachmittag Unterlagen kopieren, manchmal so spät, dass ich Schwierigkeiten hatte, noch mit meiner Fahrgemeinschaft den langen Weg nach Hause zu fahren. Er gab mir den Auftrag, bei Gruppensitzungen Notizen zu machen. Er sagte, ich hätte eine schöne Handschrift, ein Kompliment, das dennoch den Machtunterschied zwischen uns hervorhob.

          Er konkurriert mit jedem in allem

          In den Labs hatten im Schnitt jeweils vier Beschäftigte einen Gruppenleiter, jeweils vier Gruppenleiter einen Abteilungsleiter und jeweils vier Abteilungsleiter einen Direktor über sich. Darüber gab es nochmals vier oder fünf weitere, immer exklusivere Ebenen, die zusammengenommen über Zehntausende von Beschäftigten wachten. In den fünf Jahren, die ich dort war, hörte ich manchmal, wie jemand stolz sagte: „Ich komme gerade von einem Vier-Ebenen-Meeting.“ Ich habe nie herausgefunden, ob das hieß, dass jemand von der vierten Ebene dort anwesend war oder dass dieses Meeting Teilnehmer von vier verschiedenen Ebenen vereinigte.

          Der Direktor unseres Zentrums, der Boss der Bosse der Bosse, ging gerne durch die Flure und konkurrierte mit jedem in allem. Bei einer hochtrabenden Diskussion am Wasserspender über Meditation als Weg zur Demut bestand er darauf, dass er selbst bereits demütiger sei als alle anderen. Er sagte gerne, man könne die Tätigkeiten von Menschen, die zwei Ebenen höherstünden, niemals verstehen; sie müssten einem für immer ein Geheimnis bleiben.

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