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Kolumne von Emanuel Derman : Gespräche in New York und anderswo

  • -Aktualisiert am

Ein Pflaster für Macher: New York Bild: REUTERS

In gewissen Finanzmodellen hängt der Wert einer Aktie nur von der Gegenwart, nicht von der Vorgeschichte ab. Sollte man diese Einstellung auch auf die menschlichen Beziehungen übertragen?

          5 Min.

          Nach drei Jahrzehnten in New York verbrachte ich vor etwa zehn Jahren ein paar Urlaubstage im Kviknes Hotel in Balestrand, direkt am Sognefjord. Kaiser Wilhelm II. hatte dort vor dem Ersten Weltkrieg die Sommerferien verbracht. Das Hotel machte einen entsprechend prächtigen, um nicht zu sagen majestätischen Eindruck. Vor dem Abendessen am ersten Tag - vor uns der still daliegende, tiefe Fjord, durch den Kaiser Wilhelm mit seiner Entourage gekommen sein musste - saßen wir mit einem englischen Ehepaar beim Aperitif. Je länger die Unterhaltung dauerte, desto größer wurde meine Verwirrung. Ich hatte nämlich schon bald unaufgefordert erzählt, was ich beruflich mache, was mein Gegenüber aber keineswegs veranlasste, ebenfalls zu berichten, was er „machte“. Ich wartete und wartete, zunehmend irritiert, weil er sich mit keinem Wort dazu äußerte. Schließlich fragte ich ihn rundheraus: „Was machen Sie?“ Er entpuppte sich als ein interessanter Zeitgenosse. Er lebte irgendwo in Südengland und verdiente sein Geld als Anbieter von Angeltouren und Moorhuhnjagden. Unlängst, erzählte er, sei Präsident George Bush sen. sein Gast gewesen.

          (English Version: Just A New York Conversation)

          Während des Essens, als die beiden Engländer nicht mehr an unserem Tisch saßen, wies mich meine Frau auf meinen Fauxpas hin. Es sei unhöflich, Europäern zu erzählen, was man „mache“, und von ihnen das Gleiche zu erwarten. Nach den vielen Jahren in Amerika hatte ich völlig vergessen, dass das in anderen Gegenden der Welt nicht üblich ist. Dabei hatte ich doch nur erzählt, was ich mache, aber vielleicht war das in der Tat eine unwillkommene Selbstoffenbarung. Ich vermute jedoch, dass diese Gepflogenheit, wie so vieles Amerikanische, die Welt erobern wird.

          Warum ist es so wichtig, was man „macht“?

          In New York ist man, was man macht. Das hat etwas Hartes und Pragmatisches. Wer in keine attraktive Kategorie passt, dürfte sich uninteressant und defensiv fühlen. Gesprächspartner checken kurz, ob man ein erfolgreicher Mensch oder ein Loser ist, um dann zu beschließen, wie viel Zeit sie mit einem verbringen wollen. New York ist eine immerwährende Cocktailparty. Jeder schaut seinem Gesprächspartner über die Schulter, um zu sehen, ob man jemanden entdeckt, der für die eigene Karriere nützlich sein könnte, und mit etwas Glück findet man ein ruhiges Eckchen, wo man mit seinem zeitweiligen Gegenüber ohne Konkurrenzdruck reden kann.

          Die Eindimensionalität dieser Haltung ist nicht unbedingt verwerflich - danach beurteilt zu werden, was man ist, und nicht, aus welcher Familie man kommt, hat durchaus Vorteile. In New York, wie in Amerika überhaupt, verblasst die Herkunft neben dem, was man „macht“ und wie viel man verdient. In Frankreich vertraute mir eine osteuropäische Rezeptionsangestellte einmal an, wie fremd sie sich fühle. In New York passiert das nicht. In New York ist jeder ein Zugereister und als solcher für andere interessant. Wenn die eigene Vergangenheit keine Rolle spielt, ist das gar nicht so schlecht.

          Warum bezieht sich das Verb „machen“ - in „Was machen Sie?“ - so eindeutig auf Beruf und Karriere? Warum ist das, was man „macht“, so wichtig? Und warum wollte ich, dass der moorhuhnjagende Engländer sich „zu erkennen gab“, als könne man Berufstätigkeit und Identität gleichsetzen? Warum kann man mit anderen Leuten nicht über das Leben und Situationen sprechen, ohne dass man etwas über ihre Herkunft, ihren Status, ihre beruflichen Erfolge weiß?

          Zukunft ohne Vorgeschichte

          Wenn man anderen Menschen zum ersten Mal begegnet, wäre es natürlich viel interessanter, ihre Ansichten zu hören, ohne ihre Autorität im voraus zu bewerten, ohne zu wissen, wer sie sind und inwieweit ihre Meinungen mit denen übereinstimmen, die man von Menschen ihresgleichen erwartet.

          Wenn man sich Menschen als Romane denkt, ist es besser, vor der Lektüre nichts über die Biographie des Autors zu wissen. Nachdem man das Buch gelesen hat, ob es einem gefällt oder nicht, ist man viel eher daran interessiert, etwas über den Verfasser zu erfahren. Wenn man sich Menschen als Filme denkt, sollte man die Besprechungen erst lesen, nachdem man den Film gesehen hat. Man sollte sich an einen Kritiker halten, dessen Urteil man vertraut, und einfach schauen, ob ihm der Film gefällt, und, wenn ja, sich den Film ansehen. Manche Filme, die mir besonders gut gefallen haben („Jackie Brown“, „Mein Essen mit André“) waren ein großer unerwarteter Genuss, weil ich sie gesehen habe, ohne vorher etwas von der Handlung zu wissen.

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