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Kolumne von Emanuel Derman : Die Schlinge

  • -Aktualisiert am

Falltür in die Verdammnis Bild: REUTERS

Wenn aus einem Jungenstreich das Gefühl von Schuld erwächst, ist es so, als lege sich eine Schlinge um den Hals, als öffne sich eine Falltür in die Verdammnis. So entsteht moralisches Gewissen.

          3 Min.

          Als der Junge vier Jahre alt war, spielte er vor dem Haus mit dem Gartenschlauch und sah zu, wie das Wasser in hohem Bogen durch die Luft schoss. Er stand auf dem roten Zementweg, der vom Gartentor zur Haustür führte, packte den Gummischlauch und richtete die Messingtülle auf das kleine Rasenstück zur Rechten, so dass die Wasserkurve dort auftraf.

          (English Version: „The Noose“ by Emanuel Derman)

          Dann beschloss er, zur Abwechslung auf das linke Rasenstück zu zielen. Er nahm die schwarze Gummischlange mit beiden Fäustchen, schwang sie vergnügt herum und ließ die schwere Messingtülle durch die Luft fliegen, damit auch nicht ein Tropfen Wasser auf den Zementweg fiel. Die Tülle schoss durch die Luft wie ein Stein aus der Schleuder des kleinen David und traf die Stirn seines Vaters, der von hinten herangetreten war. Sein Vater wurde ins Krankenhaus gebracht, damit die Wunde genäht werden konnte. Es war ganz allein die Schuld des kleinen Jungen.

          In den verregneten Winterferien, als er elf war, hockten er und ein paar Freunde zu Hause herum und langweilten sich. Eines Tages beschlossen sie, dem älteren Ehepaar, das kürzlich ein neues Haus in der Nachbarschaft bezogen hatte, einen Streich zu spielen. Damals, in jener fernen Zeit, gaben die Leute ihren Häusern Namen, selbst wenn es keine eindrucksvollen Villen waren. Diese beiden hatten sich für den trauten Namen „Komm näher“ entschieden. Das nachmittägliche Gebolze der Jungen mitten auf der befahrenen Straße störte sie, die selbst keine Kinder hatten.

          „Ich muss mit Ihnen über etwas reden“

          Jedes Mal, wenn der schlaffe Lederball über ihren Zaun flog und in ihrem Steingarten landete, wurde er konfisziert. Um sich die Zeit zu vertreiben, verfassten der Junge und seine kindischen Freunde an jenem Nachmittag also einen anonymen Brief an das ältere Ehepaar. „Ihr Mann sieht aus wie der Mann auf der Ritmeester-Zigarrenkiste“, schrieben sie. „Sie sollten Ihrem Haus lieber den Namen ,Geh weiter‘ geben.“ Sie warfen den Zettel in den Hausbriefkasten und hatten ihn im nächsten Moment schon vergessen.

          Einige Tage später, als er und seine Eltern gerade zu einer Hochzeitsfeier aufbrechen wollten, stand die Nachbarin vor der Haustür. „Ich muss mit Ihnen über etwas reden“, sagte sie zu seiner Mutter. „Tut mir leid“, erwiderte seine Mutter, „aber wir wollen gerade los. Können wir das auf morgen verschieben?“

          Er hörte diesen Dialog von seinem Zimmer aus und wusste genau, weshalb die Frau mit seiner Mutter sprechen wollte. Die Schlinge lag nun fest um seinen Hals. Er konnte sich niemandem mitteilen. In bangem Schweigen erledigte er seine Aufgaben und wartete darauf, dass die Falltür sich öffnete. Schließlich tauchte die Frau wieder auf, um mit seiner Mutter zu reden. Ein Nachbar, sagte sie, habe die Jungen dabei beobachtet, wie sie einen Brief in ihren Briefkasten warfen, und ihr alles berichtet. Der Junge musste sich entschuldigen, ihr einen Kuss auf die blasse weiße Wange geben und sich seinerseits einen Kuss geben lassen. Die Schlinge löste sich. Aber es war alles seine Schuld gewesen.

          In einem anderen Land, zu einer anderen Zeit

          Eines Tages, der Junge war inzwischen fünfzehn, erzählte ihm sein Cousin, er wisse „definitiv“, dass ein älteres Mädchen aus ihrer Klasse mit ihrem Freund im College-Alter geschlafen habe. Der Junge erzählte das seinem besten Freund. Der beste Freund erzählte das seiner Freundin, die zufällig die jüngere Schwester jener Mitschülerin war, die „definitiv“ mit ihrem Freund geschlafen hatte. Sie erzählte es ihrem Freund im College-Alter, der, besorgt um seinen guten Ruf (das war in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit), den fünfzehnjährigen Jungen anrief und damit drohte, ihn wegen des üblen Gerüchts, das er in die Welt gesetzt hatte, anzuzeigen und seine Eltern darüber zu informieren.

          Wieder eine Falltür, die Schlinge um den Hals, die Leere unter ihm. Zwei Tage später stand der verleumdete Freund vor der Haustür des Jungen und sprach mit seinen Eltern. Der Junge gab zu, weitererzählt zu haben, was ihm von seinem Cousin zugetragen worden sei. Der Freund rief den Cousin an. Der Cousin leugnete, mit dieser Geschichte in irgendeiner Weise zu tun haben, und zwar so überzeugend, dass der Junge an seiner Erinnerung zu zweifeln begann. Vielleicht, gab die Mutter des Cousins zu bedenken, habe er das Ganze ja geträumt.

          Mit den Jahren wurde sein Gewissen stärker. Es erreichte seinen Höhepunkt in der Lebensmitte, wurde dann schwächer und schaffte es nicht mehr so gut, ihn an der Verwirklichung seiner Wünsche zu hindern. Was er sich wünschte, war ja auch nicht so schrecklich. Er hatte nicht den unbezwingbaren Drang, jemanden umzubringen oder ihm die Knochen zu brechen. So etwas hätte er nie getan, dazu brauchte er kein Gewissen. Sein Gewissen bewirkte zweierlei: Es hinderte ihn daran, Dinge zu tun, die ihn, seine Eltern, seine Familie, seine Freunde oder Kollegen mit Scham erfüllen würden; und es machte, dass er sich ausgesprochen schlecht fühlte, wenn er Dinge tat, die andere missbilligten.

          Es war kompliziert, die eigenen Bedürfnisse mit denen der anderen in Einklang zu bringen. Er glaubte, jedermann fair behandeln zu müssen, und zerbrach sich daher viel zu sehr den Kopf über die Folgen seines Tuns. Wessen Bedürfnisse waren ausschlaggebend? Durfte er sich gegen anderer Leute Handlungen wehren, die ihm schaden würden? Wenn andere etwas von ihm erwarteten, wozu er nicht bereit war, wog ihr Kummer darüber, dass sie das Gewünschte nicht bekamen, schwerer als sein eigener Kummer, wenn er ihren Wunsch erfüllte? Er stellte fest, dass er seine Bedürfnisse durch logische Argumente glaubte begründen zu müssen, während andere offenbar einfach taten, was sie wollten, ohne jede Begründung. Der Wunsch reichte ihnen.

          Er war ein Modell gewesen. Manchmal hatte er sich, nach seinem Verständnis und dem der anderen, schlecht benommen. Wer hatte das nicht? Es gab viele Falltüren im Leben, aber nur sehr wenige echte Schlingen.

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