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Kolumne von Emanuel Derman : Amerika ist keine Leuchte

  • -Aktualisiert am

Hinter der Freiheitsstatue geht die Sonne unter Bild: AP

Amerikaner sehen sich selbst als ausgestattet mit dem Privileg der Freiheit und mit der Verpflichtung, anderen Völkern bei ihrer Rettung zu helfen. Freiheit predigen und die Welt ausspionieren, passt das?

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          David Ben Gurion, der erste Premierminister Israels, sagte einmal in einer Rede: „Die Geschichte hat uns nicht mit Macht, Reichtum oder einem großen Territorium gesegnet, aber sie hat uns einen ungewöhnlichen geistigen und moralischen Vorteil gewährt, und so ist es zugleich ein Privileg und eine Verpflichtung, den Völkern ein Licht zu sein.“

          (English Version: America Lite)

          Ben Gurion sprach hier, so nehme ich an, von den Zehn Geboten und eher vom jüdischen Volk als von der israelischen Nation, zu einer Zeit, als manche Grundsätze Israels durchaus noch als Licht für die Völker gelten konnten.

          Der Ausdruck stammt aus Jesaja 49,6, wo der Prophet dem Volk die Worte Gottes übermittelt: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“ Mit anderen Worten sagt er also: Erwartet nicht, dass ihr es leicht habt, nur weil ihr selbst errettet werdet. Privilegien bringen Verantwortung mit sich. Ihr werdet nun auch anderen Völkern helfen müssen, gerettet zu werden.

          Immaterielle Kultur ist auch anders möglich

          Wonach sollte eine Nation unter Nationen streben? Der Einfluss einer Nation kommt auf lange Sicht aus mehreren Quellen: erstens aus ihrer wirtschaftlichen Stärke, zweitens aus ihrer militärischen Macht, drittens aus ihrer Kultur und viertens aus dem Maße, in dem sie ein Licht für andere Nationen darstellt. Die ersten beiden Quellen sind materieller Art, die dritte ist schon weniger materiell und die vierte ganz und gar nicht. Reichtum bringt militärische Macht und Kultur hervor. Mit einer starken Wirtschaft kann man es sich leisten, eine große Armee und eine Klasse zu unterhalten, die Kunst und Wissenschaft hervorbringt. Aber um einen gewissen Preis kann man auch ohne eine produktive Wirtschaft gewaltige militärische Macht entfalten - man denke an die Sowjetunion vor ihrem Zusammenbruch und an Nordkorea heute. Immaterielle Kultur dagegen ist auch ohne gewaltige Armeen oder Wirtschaftsmacht möglich, wie zahlreiche kleine Länder beweisen.

          Ein Licht für die Völker zu sein ist etwas anderes. Dazu bedarf es großer Persönlichkeiten, auch wenn das Land selbst nicht so groß sein mag. Man denke an Václav Havel oder Nelson Mandela, Männer, deren persönlicher Glanz die Welt erleuchtet und das Ansehen ihres Landes mehrt.

          Eine Kette, die zu Skepsis und Verlust des Vertrauens führt

          Amerikaner halten sich selbst für außergewöhnlich - ein selbsternanntes Licht für die Völker, ausgestattet mit dem Privileg der Freiheit und mit der Verpflichtung, anderen Völkern bei ihrer Rettung zu helfen. Wie sehr Amerikaner sich selbst so sehen, können Sie leicht erkennen, wenn Sie sich einmal anschauen, wie oft Präsident Obama seine Reden mit dem Satz würzt: „So sind wir nicht“, wobei er sich auf Taten bezieht, die wir seines Erachtens begangen haben. Vielleicht waren wir einmal ein Licht, während des Zweiten Weltkriegs und danach, als wir den Verbündeten halfen, die Welt wieder in Ordnung zu bringen, und zur vorherrschenden Wirtschaftsmacht aufstiegen. Aber diese Zeit ist längst vergangen. Seither hatten wir Vietnam, Afghanistan, Guantánamo, den Irak, die Bankenrettung, einen wirtschaftlich-staatlichen Komplex, Libyen und nun die Snowden-Enthüllungen. Jedes Glied in dieser Kette sagt, wer wir sind, und hat zu Skepsis und zu einem Verlust des Vertrauens in die Regierung bei den Bürgern wie auch den verbündeten Staaten geführt.

          Dieser Vertrauensverlust hat Einfluss darauf, was Obama und wir im Blick auf Syrien tun sollten und realistischerweise tun können. Syrien ist wahrscheinlich ein Problem, für das es keine Lösung gibt, sofern man es nicht stärker globalisiert. Damit möchte ich weder Assad noch seine Gegner oder irgendein anderes Land oder politisches System verteidigen. Es gibt viele schlechte Menschen auf der Welt.

          Kein Land, das so gut und freundlich wäre

          Inzwischen ist es wichtig, auf sich selbst zu schauen. Auch Napalm ist eine chemische Waffe. In unserem Kampf gegen den Kommunismus unterstützten wir Staatsstreiche, um zu verhindern, dass die betreffenden Länder an den Feind fielen. Wir spionieren die eigenen Bürger aus - aber eigentlich wäre zu fragen, wer ist dieses „wir“, das „uns“ ausspioniert? Wir spionieren ausländische Botschaften, Verbündete und die ganze Welt aus und predigen zugleich die Freiheit des Internets. Die Verantwortlichen hatten ihre eigenen, guten Gründe, all das zu tun; aber ich bin mir nicht sicher, ob wir in der Position sind, dem Rest der Welt zu sagen, was tolerierbar ist. Wir haben da eine etwas selbstgerechte Erfolgsbilanz vorzuweisen.

          Es wäre wunderbar, in einem Land zu leben, das mächtig und ein wirkliches Licht für die Völker wäre; ein Land, das gut und freundlich genug wäre, ohne Scheinheiligkeit die Wahrheit zu Ungerechtigkeit im Innern wie im Ausland zu sagen; das nicht fehlginge und dadurch seinen Einfluss minderte; ein Land, dessen Bild mit seinen Taten übereinstimmte; ein Land, das für das Recht kämpfte und Bewunderung verdiente. Ich kenne kein Land, das so gut und freundlich wäre. Bislang sind wir die Lite-Version davon. Es wäre vielleicht an der Zeit, ein wenig über uns selbst nachzudenken.

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