https://www.faz.net/-gqz-72tk4

F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman : Der Geist hat sehr wohl Bedeutung

  • -Aktualisiert am

Bild: Kat Menschik

Meine naturwissenschaftliche Qualifikation ist einigermaßen tadellos, meine philosophische dagegen nicht. Die zweite Folge von Emanuel Dermans F.A.Z.-Kolumne.

          4 Min.

          Ich finde mich zunehmend in einer irritierten Uneinigkeit mit den zahlreichen Neurowissenschaftlern und evangelikalen Berufsatheisten, die glauben, die Naturwissenschaft sei alles, es gebe nur Materie, und die fotografischen Bilder chemischer Stoffe, die im Gehirn aufglühen, seien gleichbedeutend mit Gedanken und Gefühlen. (Ich habe kein Problem damit, dass sie schlicht nicht an Gott glauben.)

          Ich bin als Rationalist aufgewachsen. Meine Einführung in das angeblich Spirituelle fand in der Synagoge und der Schule statt, doch diese Einführung war gewissermaßen nur formeller Natur: Geschichten und Gebote und Rezitationen, aber keine Diskussion über die Vorstellung von Gott. Nichts über jene Art von Erfahrung, über die Aldous Huxley in „Die ewige Philosophie“ geschrieben hat.

          Außerhalb meiner Forschungsarbeit erlebte ich das erste echte Gefühl des Staunens und Wunderns in meiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent in Oxford, als mir bei einem Gang durch eine winzige anthroposophische Buchhandlung der Rat, Rudolf Steiner zu lesen, in den Sinn kam, den jemand mir vor Jahren in schwieriger Zeit einmal gegeben hatte. So kaufte ich mir sein Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ in einer englischen Übersetzung.

          Die geistige Welt als etwas Urpsüngliches

          Es war mir unmöglich, das Buch in voller Länge durchzulesen, da es mir ein wenig schwülstig erschien, aber einige Sätze fanden einen gewissen Widerhall in mir. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph, sie sprachen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die für sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mit physischen Augen sehen, mit physischen Händen betasten kann. Und später im Buch folgte eine Anleitung zur spirituellen Übung: „Zu den Eigenschaften, die zum Beispiel ebenso bekämpft werden müssen wie Zorn und Ärger, gehören Furchtsamkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und Ehrgeiz, Neugierde und unnötige Mitteilungssucht.“

          Der letzte Ausdruck, „unnötige Mitteilungssucht“, traf mich, denn ich war immer schon jemand, der den Menschen mehr als nötig erzählte. Ich bin nicht redselig; ich bin bedauerlich begierig darauf, anderen Leuten unnötige (zuweilen persönliche) Mitteilungen zu machen. Ich hätte diesen Hang selbst nicht besser zum Ausdruck bringen können.

          Emanuel Derman
          Emanuel Derman : Bild: Laif/The New York Times

          Ich bin kein leichtgläubiger Mensch. Mystiker, Gnostiker und Theosophen klingen für mich abgeschmackt und stupide. Doch an diesem Abend im Jahr 1975 ließ der Gedanke, dass die geistige Welt als etwas Ursprüngliches und nicht als etwas Abgeleitetes existiert, in mir etwas anklingen, und so war ich bereit, Steiner mit einer gewissen Nachsicht zu behandeln.

          Wundern kommt von Geheimnis

          Ich bin niemals Anthroposoph geworden, doch einige dieser Vorstellungen haben heute noch Gewicht für mich. Als ich Jahre später Spinozas Ethik las, stieß ich auf einen ganz ähnlichen Gedanken. Geist und Materie sind nach Spinoza gleichermaßen Attribute einer grundlegenden Substanz. Oder, modern ausgedrückt, der Geist ist kein Epiphänomen der Materie, und die Materie ist kein Epiphänomen des Geistes. Die Neurophysiologie vermag nicht die Psychologie zu erklären, und die Psychologie vermag nicht die Neurophysiologie zu ersetzen. Zwischen Geist und Materie besteht ein Verhältnis der Koexistenz. Der Geist ist ein Element, keine Verbindung.

          Noch ein weiterer Satz von Steiner fand Widerhall in mir: „Die Außenwelt ist in allen ihren Erscheinungen erfüllt von göttlicher Herrlichkeit; aber man muss das Göttliche erst in seiner Seele selbst erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will.“

          „Bewunderung“, schrieb Spinoza, „ist die Phantasievorstellung eines Gegenstandes, an welche der Geist deshalb gefesselt bleibt, weil diese besondere Phantasievorstellung keine Verbindung mit den übrigen hat.“ Wundern kommt von Geheimnis. Was mich an den Reduktionisten stört, ist ihr mangelnder Sinn für das Geheimnis.

          Die bezweifelte Realität

          Saul Bellow sagte 1988 in einem Vortrag: „Der Philosoph Morris R. Cohen wurde einmal von einem Studenten gefragt: ,Herr Professor, wie kann ich wissen, dass ich existiere?‘ ,So?‘ erwiderte Cohen. ,Und wer stellt diese Frage?‘“

          Dank Professor Cohen habe ich das Gefühl, auf festerem Boden zu stehen und das tun zu können, was ich mein Leben lang getan habe, nämlich instinktiv auf mein erstes Bewusstsein zurückzufallen, das mir immer als das realste und am leichtesten zugängliche erschienen ist. Für Menschen, die keinen Zugang zu diesem Kernbewusstsein haben, gibt es keine Geheimnisse. Tatsachen müssen jedoch respektiert werden, und es ist eine Tatsache, dass mein eigenes erstes Bewusstsein aus Gründen, die ich nicht zu erklären vermag, eine lange, bruchlose Geschichte hat.

          Ich kann nur sagen, dass es eine Tatsache ist, und ich frage mich, warum jemand das Bedürfnis verspüren sollte, deren Realität zu bezweifeln. Doch unsere aufdringliche geistige Welt zieht jede Realität dieser Art in Zweifel. Diese Welt eines wahrhaft modernen, gebildeten, fortgeschrittenen Bewusstseins hat den Verdacht, das Kernbewusstsein, das ich für eine Tatsache halte, sei unecht und wahrscheinlich eine Täuschung.

          Zur Intuition gelangen

          Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass alles in der Welt sekundär ist gegenüber einer fraglosen und unbezweifelbaren persönlichen Existenz. Die „Existenz“, über die wir unsere Spekulationen anstellen, hängt von unserer Existenz ab. Unser Bewusstsein hält uns gefangen (oder befreit uns). Merleau-Ponty schrieb einmal: „Die Welt ist das, was wir wahrnehmen, denn da wir von Illusionen sprechen, haben wir solche doch schon kennengelernt und als solche durchschaut, und wie vermochten wir es, wenn nicht aufgrund einer Wahrnehmung, die in eins sich als wahr bezeugte?“

          Es gibt zahlreiche Wege, die Welt zu erkennen, darunter Erfahrung, Heuristiken, Modelle, Theorien und Intuition. In einer Rede zum sechzigsten Geburtstag Max Plancks, des Begründers der Quantentheorie, sagte Einstein: „Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Intuition ist ein einfühlendes Verstehen des Anderen, eine Form der Verschmelzung des Verstehenden mit dem Verstandenen.

          Und wie gelangt man zur Intuition? Steiner schrieb: „Die Verehrung weckt eine sympathische Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften der uns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst verborgen bleiben.“

          Ein einfühlendes Verständnis der Welt

          Begegne ich einem Menschen und tadle ich seine Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll mich in seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft. Gelegentlich muss man nicht nur jedes intellektuelle Urteil zum Schweigen bringen, wenn man anderen Menschen zuhört, sondern auch jedes Gefühl des Unmuts, der Ablehnung oder der Zustimmung. Wer in der Lage ist, selbst scheinbar lächerlichen Unsinn ohne jede Kritik anzuhören, der lernt (vielleicht), sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Das ist nicht leicht.

          Vor die Wahl zwischen weiterem wissenschaftlichem Wissen oder Intuition gestellt, entscheide ich mich für die Intuition. Ich wünsche mir ein einfühlendes Verständnis der Welt. Dennoch ist es mir nicht gelungen, meine unnötige Mitteilungssucht zu überwinden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Spezialschulen für IT : Russlands Hort für Hochbegabte

          Unter jungen Russen sind IT-Berufe sehr beliebt. Die besten von ihnen werden an Spezialschulen ausgebildet. Die Anforderungen dort sind hart, der Stundenplan eng getaktet. Später verlassen viele Absolventen ihr Land.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.