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F.A.Z.-Kolumne von Emanuel Derman : Der Geist hat sehr wohl Bedeutung

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„Bewunderung“, schrieb Spinoza, „ist die Phantasievorstellung eines Gegenstandes, an welche der Geist deshalb gefesselt bleibt, weil diese besondere Phantasievorstellung keine Verbindung mit den übrigen hat.“ Wundern kommt von Geheimnis. Was mich an den Reduktionisten stört, ist ihr mangelnder Sinn für das Geheimnis.

Die bezweifelte Realität

Saul Bellow sagte 1988 in einem Vortrag: „Der Philosoph Morris R. Cohen wurde einmal von einem Studenten gefragt: ,Herr Professor, wie kann ich wissen, dass ich existiere?‘ ,So?‘ erwiderte Cohen. ,Und wer stellt diese Frage?‘“

Dank Professor Cohen habe ich das Gefühl, auf festerem Boden zu stehen und das tun zu können, was ich mein Leben lang getan habe, nämlich instinktiv auf mein erstes Bewusstsein zurückzufallen, das mir immer als das realste und am leichtesten zugängliche erschienen ist. Für Menschen, die keinen Zugang zu diesem Kernbewusstsein haben, gibt es keine Geheimnisse. Tatsachen müssen jedoch respektiert werden, und es ist eine Tatsache, dass mein eigenes erstes Bewusstsein aus Gründen, die ich nicht zu erklären vermag, eine lange, bruchlose Geschichte hat.

Ich kann nur sagen, dass es eine Tatsache ist, und ich frage mich, warum jemand das Bedürfnis verspüren sollte, deren Realität zu bezweifeln. Doch unsere aufdringliche geistige Welt zieht jede Realität dieser Art in Zweifel. Diese Welt eines wahrhaft modernen, gebildeten, fortgeschrittenen Bewusstseins hat den Verdacht, das Kernbewusstsein, das ich für eine Tatsache halte, sei unecht und wahrscheinlich eine Täuschung.

Zur Intuition gelangen

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass alles in der Welt sekundär ist gegenüber einer fraglosen und unbezweifelbaren persönlichen Existenz. Die „Existenz“, über die wir unsere Spekulationen anstellen, hängt von unserer Existenz ab. Unser Bewusstsein hält uns gefangen (oder befreit uns). Merleau-Ponty schrieb einmal: „Die Welt ist das, was wir wahrnehmen, denn da wir von Illusionen sprechen, haben wir solche doch schon kennengelernt und als solche durchschaut, und wie vermochten wir es, wenn nicht aufgrund einer Wahrnehmung, die in eins sich als wahr bezeugte?“

Es gibt zahlreiche Wege, die Welt zu erkennen, darunter Erfahrung, Heuristiken, Modelle, Theorien und Intuition. In einer Rede zum sechzigsten Geburtstag Max Plancks, des Begründers der Quantentheorie, sagte Einstein: „Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition.“ Intuition ist ein einfühlendes Verstehen des Anderen, eine Form der Verschmelzung des Verstehenden mit dem Verstandenen.

Und wie gelangt man zur Intuition? Steiner schrieb: „Die Verehrung weckt eine sympathische Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften der uns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst verborgen bleiben.“

Ein einfühlendes Verständnis der Welt

Begegne ich einem Menschen und tadle ich seine Schwächen, so raube ich mir höhere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll mich in seine Vorzüge zu vertiefen, so sammle ich solche Kraft. Gelegentlich muss man nicht nur jedes intellektuelle Urteil zum Schweigen bringen, wenn man anderen Menschen zuhört, sondern auch jedes Gefühl des Unmuts, der Ablehnung oder der Zustimmung. Wer in der Lage ist, selbst scheinbar lächerlichen Unsinn ohne jede Kritik anzuhören, der lernt (vielleicht), sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen. Das ist nicht leicht.

Vor die Wahl zwischen weiterem wissenschaftlichem Wissen oder Intuition gestellt, entscheide ich mich für die Intuition. Ich wünsche mir ein einfühlendes Verständnis der Welt. Dennoch ist es mir nicht gelungen, meine unnötige Mitteilungssucht zu überwinden.

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