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F.A.Z.-Kolumne Emanuel Derman : Fehlverhaltensökonomie

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Bild: Kat Menschik

Vom Missbrauch einer ganzen Forschungsrichtung: Die verhaltensorientierte Finanzwissenschaft geht einen Umweg über die Psychologie und wird zum Instrument zur Manipulation von Menschen.

          Dies ist eine Geschichte über Enttäuschungen und eine bahnbrechende Forschung, die in die Irre ging und dann zu einem Instrument politischer Manipulation wurde: Verhaltensökonomie.

          Zu den heißesten Themen in Finanzwissenschaft und Ökonomie gehört seit zwei Jahrzehnten die Verhaltensökonomie, ein Fachgebiet, das seinen Ursprung in den Forschungen von Daniel Kahneman und Amos Tversky hat. Tversky starb 1996, und Kahneman erhielt 2002 den von der schwedischen Reichsbank zu Ehren von Alfred Nobel gestifteten Preis für Wirtschaftswissenschaften. Das Nobelkomitee verwies damals auf ihre gemeinsame Arbeit über „die Erwartungstheorie als eine Alternative, die stärker das beobachtete Verhalten“ von Menschen bei solchen Entscheidungen berücksichtigt, „deren zukünftige Folgen ungewiss sind“. Aber sind sie das nicht immer?

          Das klassische financial modeling nimmt an, dass Menschen Entscheidungen auf eine kühl nutzenorientierte Weise träfen, die deshalb einer mathematischen und statistischen Behandlung zugänglich wäre. Kahneman und Tversky sammelten eine Reihe irrationaler und gar nicht kühler Besonderheiten bei Beobachtungen dazu, wie Menschen sich beim Glücksspiel zwischen alternativen Wetten im Hinblick auf ihre potentiellen Gewinne und Verluste entscheiden. Hier nur zwei ihrer zahlreichen Entdeckungen: Menschen fürchten die Wahrscheinlichkeit, fünf Dollar zu verlieren, mehr, als sie eine gleich hohe Wahrscheinlichkeit schätzen, fünf Dollar zu gewinnen. Und Menschen unterschätzen in der Regel die Wahrscheinlichkeit des Eintretens seltener Ereignisse (sogenannter schwarzer Schwäne). Im Kern behaupten Kahneman und Tversky, Menschen seien psychologisch nicht dazu qualifiziert, bei Glücksspielen rationale Entscheidungen zu treffen.

          Homo oeconomicus oder Homo affectus?

          Nicht alle sind derselben Meinung wie Kahneman und Tversky. Das wirkliche Leben ist ja auch nicht immer ein Glücksspiel. Während wir die Wahrscheinlichkeit beim Münzwurf exakt bestimmen können, ist das bei menschlichem Verhalten nicht möglich. Lebendige Wesen werden von Motiven angetrieben, die sich der statistischen Erfassung entziehen können. Unser Rechtssystem weiß das und befindet Angeklagte nicht auf der Grundlage statistischer Beweise für schuldig oder unschuldig, sondern auf der Basis des Urteilsvermögens und der Glaubwürdigkeit. Eine Kritik des von Kahneman und Tversky verfolgten Ansatzes können Sie in einem interessanten Aufsatz von Alex Stein mit dem Titel „Are People Probabilistically Challenged?“ lesen, der im kommenden Jahr in der „Michigan Law Review“ erscheinen wird.

          Aber lassen wir diese Kritik für den Augenblick einmal beiseite und akzeptieren wir Kahnemans und Tverskys Beweis, wonach die Menschen kaum geeignet sind, rationale Entscheidungen zu treffen. Auf dieser Grundlage entwickelten Kahneman und Tversky die sogenannte Erwartungstheorie. Darin ersetzten sie die rationalen Vorstellungen vom Homo oeconomicus, wie ihn die klassische Wirtschaftstheorie versteht, durch jene empirisch bestimmten „irrationalen“ Werte, die der ängstliche und in seiner Gier hitzige Homo affectus verwendet.

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