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F.A.Z.-Kolumne : Der Wintervorrat des Eichhörnchens

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Bild: Kat Menschik

Liebe und Geld haben vieles gemeinsam - zum Beispiel, dass wir sie nicht verstehen. Ein Versuch, Spinozas Theorie der Leidenschaften auf die vertrauten Rätsel anzuwenden.

          3 Min.

          Manche Dinge - Zeit, Liebe und Geld zum Beispiel - sind uns so vertraut, dass nur ein Genie ihr Wesen zu ergründen vermöchte. Wie die Glastür eines Konferenzraums, in die ich einmal aus Versehen mit solcher Geschwindigkeit hineinlief, dass ich zurückprallte und zu Boden fiel, begleitet von einem Lärm, der Menschen aus dem ganzen Stockwerk herbeilaufen ließ - wie diese Glastür sind sie so transparent, dass man nicht auf sie, sondern nur durch sie hindurchsehen kann.

          Die Zeit ist schwer zu fassen. Als mein Sohn die Kleinkindsprache fließend beherrschte, mit der Welt schon recht vertraut war und Objekte oder Gefühle gut zu benennen vermochte, verwechselte er immer noch „gestern“ und „morgen“. Diese beiden Ausdrücke sind Abstraktionen. Aber Abstraktionen wovon?

          Das ist immer noch ein Rätsel, auch wenn Einstein Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einen gewaltigen Schritt auf dem Weg zu einer Klärung der Zeit und ihrer Eigenschaften machte. Vor ihm hatten alle ganz selbstverständlich angenommen, man könne von zwei Ereignissen an zwei weit voneinander entfernten Orten sagen, sie fänden gleichzeitig statt, ohne sich zu fragen, wie sich diese Gleichzeitigkeit denn tatsächlich feststellen ließ. Mit dem ungewohnten Blick eines Fremden, zu dem nur wenige Menschen fähig sind, fragte Einstein sich, wie man Längen und Zeit an verschiedenen Orten denn tatsächlich messen konnte. „Die nicht genügende Berücksichtigung dieses Umstandes ist die Wurzel der Schwierigkeiten...“, schrieb er 1905 in seinem Aufsatz „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“.

          Geld und die Theorie der Leidenschaften

          Auch die Liebe ist uns nur allzu vertraut. Nach Schopenhauer - und wer könnte ihm da widersprechen? - beschäftigt sie unablässig das Denken der Menschen und unterbricht „die ernsthaftesten Beschäftigungen zu jeder Stunde“. Er fragte sich, warum niemand sich darüber wunderte, und gelangte zu dem Schluss, die Liebe sei deshalb von so überwältigender Bedeutung, weil sie die Anziehungskraft sei, der die Verantwortung für die „Zusammensetzung der nächsten Generation“ zufalle. Deshalb verlange Liebe nach Besitz, und deshalb sei Liebe ohne Besitz kein Trost, selbst wenn sie erwidert werde. Hinter der Liebesheirat stünden die Belange der Art, hinter der Geldheirat die der Individuen. Schopenhauer, der sein Leben lang Junggeselle blieb, war der Ansicht, die Heirat führe unausweichlich dazu, dass entweder die Art oder das Individuum leide. Eine glückliche Lösung sei unmöglich.

          Wie die Liebe, so ist auch das Geld überall und wird doch nirgendwo verstanden. Man sieht nie darauf, sondern immer nur hindurch, und hinsichtlich der Liebe wie auch des Geldes warten wir immer noch auf einen Einstein. Gewöhnliche Ökonomen beschreiben das Geld als Tauschmittel und als Wertaufbewahrungsmittel. Nun ist das Geld zwar durchaus beides, aber hier handelt es sich um passive, anorganische Qualitäten. Für Keynes war das Geld dagegen etwas Aktives und Organisches, ein Katalysator. In seinen Augen besaß es die Fähigkeit, produktiv zu sein. (Ich finde Idolatrie in all ihren Formen faszinierend, und wenn man der Druckerpresse eine schöpferische Kraft zuschreibt, erkenne ich auch darin einen Anflug von Idolatrie: den Glauben, dass ein Artefakt, ein Stück Papier, nicht bloß ein Medium ist, sondern zum Akteur werden kann.)

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