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Modedroge „Entsagen“ : Lebenslänglich Aschermittwoch

Trend zur Einfachheit: Nicht nur für den guten, alten Filterkaffee wird sich wieder mehr Zeit genommen. Bild: dpa

Eine neue Zivilisationskrankheit ist ausgebrochen: Der freiwillige Verzicht. Doch wer streng gegen sich selbst ist, macht es sich in Wahrheit zu leicht.

          Vielleicht fing es damit an, dass es plötzlich wieder Filterkaffee gab. Und Fahrräder keine Bremsen und Gangschaltung mehr hatten. Inzwischen ist jedenfalls auch ein Kleidungsstil in Mode, der sich Normcore nennt: normales Hemd, normale Hose, normale Schuhe.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Google wiederum bringt einen Laptop heraus, ausgestattet mit Suchmaschine, Textprogramm und E-Mail-Account, das war’s dann aber im Grunde schon. Und Nokia baut ein Smartphone, mit dem man nur ins Internet gehen und telefonieren kann, mehr nicht. Es sieht aus wie die Fernbedienung für ein Fernsehen, das nur drei Programme hat, und kostet vierzig Euro. (Das iPhone 6 dagegen kostet in der schmalsten Version fast das Zwanzigfache.) Analoge Synthesizer kehren auch zurück. Die schwarze Null steht sowieso.

          „Sieben Wochen ohne“

          Und in Köln lebt ein junger Mann mit Hosenträgern und Kaiserwilhelmbärtchen, als wäre es 1915, er wärmt sich sein Bügeleisen auf dem Kohleherd und mahlt seine Bohnen in der Mühle. Seit langer Zeit sind nicht mehr so viele Schallplatten auf Vinyl verkauft worden wie im vergangenen Jahr.

          Und der amerikanische Schriftsteller Chang-Rae Lee schwärmt von der Schulspeisung in seinem alten Internat: „Klar“, schrieb er im November im „New Yorker“, „kein Mensch hat sich um persönliche Vorlieben geschert, und Auswahl hatte man auch kaum, und Freiheiten genauso wenig: Aber geträumt hat man.“

          Ein anderer amerikanischer Autor, Malcolm Gladwell, erzählt in seinem neuesten Bestseller die erbauliche Geschichte von einem erfolgreichen Hollywoodregisseur, der aus kleinen Verhältnissen kam: „Für ihn als Multimillionär wird es deutlich schwerer, seine Kinder mit demselben Erfolg zu erziehen, wie sein Vater ihn und seine Brüder erzogen hatte.“ Und dann ist auch noch Aschermittwoch, und die Zeitungen sind voll von „sieben Wochen ohne“, so nennt man Fasten im 21. Jahrhundert, und plötzlich fühlt man sich mitten im Ausbruch der nächsten Zivilisationskrankheit, und diesmal heißt sie: Enthaltsamkeit.

          Oder freiwillige Beschränkung. Künstlicher Verzicht. Entbehrung zur Steigerung der Lebensqualität. Wir machen uns es selbst nicht leicht, auch wenn es ganz leicht anders ginge. Wir könnten natürlich, wenn wir wollten, aber ist es nicht viel schöner und richtiger und anständiger, wenn wir es nicht tun?

          Bis Ostern geht das sicher nicht weg. Es ist ja auch nicht das Fasten allein: Ein selektiver Kulturpessimismus breitet sich da aus. Es geht ihm nicht darum zu glauben, dass früher alles besser gewesen wäre, als wir noch nicht das sechste iPhone hatten, sondern von damals das zu wählen, was heute irgendwie instruktiv sein könnte, ohne dabei jetzt gleich das ganze andere Elend auch mitnehmen zu müssen: Klo im Treppenhaus, Einberufungsbescheide, kratzige Unterwäsche, Spanische Grippe.

          Ein ideologisches Spazierengehen

          Wir können heute dreidimensional drucken. Unser Kühlschrank ist bei Facebook. Wir können mit einer Sonde, die zehn Jahre lang unterwegs war, auf einem Kometen landen und uns von dort Fotos schicken lassen. Aber das reicht offenbar nicht. Das geht noch nicht weit genug. Beziehungsweise in die falsche Richtung. Sonst würden ja nicht jedes Jahr sieben neue Sachbücher von Leuten erscheinen, die sich dafür feiern, zu Fuß irgendwohin gewandert zu sein: ein ideologisches Spazierengehen quer durch Amerika oder nach Moskau, nach Altötting oder ins Saarland.

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