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Mode : Die zweite Reihe will nach vorn

  • -Aktualisiert am

Mailand grüßt Mainz mit einer Mütze von Moschino Bild: dpa

Die großen Namen wie bestimmen in Mailand seit gut einem Jahrzehnt, wo es langgeht mit der Mode. Doch gibt es neue Talente, die hoffen lassen: den Deutschen Bernhard Willhelm, den Jugoslawen Milan Vukmirovic, den Schotten Graeme Black.

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          Einer der größten Unterschiede zwischen den beiden konkurrierenden Modestädten Mailand und Paris: Mailand steht für Beständigkeit, Paris für Bewegung. Deshalb muß Mailand fürchten, Paris werde durch den stetigen Einkauf von Nachwuchsspielern wieder gewinnen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Abstieg in die Zweite Liga?

          Französische Unternehmen halten ständig die Augen auf nach großen Talenten, für die sie hohe Ablösesummen zahlen. Bei Mißerfolg wird ausgetauscht. In Italien zählt vor allem die Familie - da wird keiner so schnell vom Hof gejagt. Eintönig auch, daß die immergleichen großen Namen wie Dolce&Gabbana, Prada und Gucci seit gut einem Jahrzehnt bestimmen, wo es langgeht. Daher gilt für die Zukunft: Ohne eine gut aufgestellte B-Mannschaft mit jungen Ersatzspielern rutscht man schnell in die zweite Liga.

          Hochwertig, aber ausgefallen: Ferragamo
          Hochwertig, aber ausgefallen: Ferragamo : Bild: AP

          Bei den Mailänder Schauen, die Kollektionen für den nächsten Herbst und Winter zeigen, gab es immerhin einige Neuzugänge, die hoffen lassen. Eine der ungewöhnlichsten Formationen ist eine deutsch-belgisch-italienische Koproduktion, die außerhalb des offiziellen Schauenplans zu besichtigen war. Sie trug einen Namen mit Sogwirkung, weshalb eben doch viele Journalisten und Einkäufer in den Showroom an der Via Lomazzo pilgerten, um sich das Projekt "Capucci" anzusehen.

          Serielles Original-Design

          Wenn man eine Ahnung davon haben möchte, wer Capucci ist, muß man nur eine Minute mit Franco Bruccoleri sprechen, dem Produzenten und Regisseur der Koproduktion. "Capucci ist eine Ikone", sagt er, "der letzte noch lebende Künstler unter den Modeschöpfern". Der 72 Jahre alte Italiener hat keine einzige Pret-a-porter-Kollektion herausgebracht, seine Kleider sind Unikate, aufwendige Konstruktionen, die in Museen ausgestellt sind. Bruccoleris Idee war es, eine seriell in Produktion gehende Kollektion zu schaffen, die im Geiste und Namen und mit Zustimmung des alten Meisters von verschiedenen Designern erschaffen wird.

          Für die erste Saison war das Bernhard Willhelm. Das ist ungewöhnlich genug: Ein Deutscher, der in Antwerpen studiert hat, deshalb zur belgischen Schule zählt, und in Paris seine Kollektionen zeigt. Wie paßt das zu Capucci? Vielleicht besser, als man denkt, verbindet doch beide eine konzeptionelle Herangehensweise an die Mode, der Mut zum großzügigen Entwurf und, wie Bruccoleri mehrfach wiederholt, ein Hang zum Perfektionismus.

          Elegante Schuhkartons

          Herausgekommen ist eine beachtenswerte Neuinterpretation der Marke mit modernen, sportlichen Elementen. Capuccis Schachtel-Entwürfe sind bei Willhelm so umgesetzt, daß die Ärmel nicht mehr wie plissierte Schuhkartons aussehen, sondern schmal und elegant den Arm umfassen. Capuccis Thema Volumen hat er in ballongroße Parkas umgearbeitet, die weich im Material und deshalb gut tragbar sind. Die plissierten Röcke sind bei Willhelm asymmetrisch in der Länge und an der überbreiten Taille mit einem gigantischen Klettverschluß zusammengehalten.

          Das "Capucci"-Projekt zeigt, daß Mailand von mehr Internationalität profitieren kann. Das zeigt auch das Beispiel Jil Sander, eine deutsche Marke, die zum italienischen Prada-Konzern gehört. Die Kollektionen werden seit knapp drei Jahren Jahren von Milan Vukmirovic entworfen, einem gebürtigen Jugoslawen, der in Frankreich aufgewachsen ist. Sein Scheitern als Nachfolger von Jil Sander schien ausgemacht - denn wer sollte ihr folgen? Er hat es aber geschafft, der Marke neue Impulse zu geben, ohne ihre Wurzeln aus dem Auge zu verlieren.

          Punks tragen keine Karos

          Für die nächste Saison zeigte er, wie man mit Punk- und Biker-Elementen Eleganz erzeugen kann. Seine karierten Faltenkleider hat er mit Querverstrebungen über den Körper auf Figur gebracht, dazu eine Lederjacke im Bolero-Schnitt.

          Viel beachtet wurde in Mailand auch ein Neuzugang aus Übersee: DSquared. Dahinter verbergen sich die amerikanischen Zwillinge Dan und Dean Caten, die zum ersten Mal eine Damenkollektion präsentierten. Weil sie mit ihren schrillen, bunten, teils aggressiv erotischen Entwürfen auf ein sehr junges Publikum zielen, traut man ihnen zu, die Nachfolge von Dolce&Gabbana anzutreten - sollten denn die beiden überaus erfolgreichen Italiener mit stets steigendem Umsatz tatsächlich jemals aus der Mode kommen.

          Möglicherweise denken auch Traditionsunternehmen um, die nicht zur Avantgarde gehören, aber die für hochwertige, ausgefallene Mode stehen. Das zeigt das Beispiel Salvatore Ferragamo. Der 1960 verstorbene Schuhdesigner hatte sechs Kinder. Man kann sich die Größe der Familie ausrechnen, und tatsächlich besetzt fast jeder Sprößling irgendeine Position im Unternehmen. Tochter Giovanna begann 1967 mit einer Pret-a-porter-Kollektion. Aber seit vergangener Saison hat man sich Hilfe von auswärts geholt: den agilen Schotten Graeme Black.

          Er hat die Marke keinesfalls umgekrempelt, aber vielleicht etwas weniger italienisch gemacht. Ein Aufenthalt in der Kostümabteilung der St. Petersburger Len-Filmstudios hat ihn zu einer sanft theatralischen Kollektion inspiriert mit bodenlangen blutroten Lammfellcapes. Ein Schwerpunkt liegt in der Lederverarbeitung und der Kombination verschiedener Materialien (Kroko-Optik mit Wildleder, Samt mit Mohair) - darin sieht er sich in der Tradition von Salvatore, der mit Plastik, Holz und Kork experimentierte. Nach der Schau hinter der Bühne wirkt der blonde Schotte unter den Italienern zunächst wie verirrt. Aber wenn man beobachtet, wie ihm ein Ferragamo nach dem anderen gratuliert, ihn in die Arme nimmt und drückt, könnte man ihn fast für einen Adoptivsohn halten. Irgendwie sieht es dann doch so aus, als bliebe alles in der Familie.

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