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Gina Thomas (G.T.)

Symbol der Mittelklasse : Mondeo-Mann

  • -Aktualisiert am

Der Ford Mondeo schwebt in einem Werbespot durch London. Bild: obs

Der „Mondeo Man“ steht in England für den Prototypen des mittelständischen Wählers, dessen Stimme heiß umkämpft ist. Doch das Modell von Ford läuft aus. Folgt auf ihn der „SUV Man“?

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          Anfang der siebziger Jahre mokierte sich der Hofdichter John Betjeman in Versform über den Typus des jungen Managers, der viel Wert darauf legt, seinen Status durch Äußerlichkeiten zu zeigen: Er brüstet sich mit sauberen Manschetten, flacher Aktentasche und einem guten Ruf unter den Oberkellnern der Gasthäuser, in denen er auf Dienstreise einkehrt. Privat fährt der großspurige Manager einen flotten, scharlachroten Aston Martin und besitzt ein Motorboot, das nie im Wasser war. Sein Dienstwagen aber ist ein Ford Cortina.

          Die Limousine war in England damals ein Renner. Wie seine Nachfolgemodelle der achtziger und neunziger Jahre, der Ford Sierra und der Ford Mondeo, war der Cortina ein Prestigeobjekt für Männer des aufstrebenden unteren Mittelstands, die sich einen Aston Martin oder das Motorboot nicht leisten konnten, aber diesen Viertürer stolz in der Einfahrt ihres vorstädtischen Eigenheims parkten. Vielen der Sierra- und Mondeo-Besitzer war dieser Durchbruch dank der Politik Margaret Thatchers gelungen, Mietern den Kauf ihrer Sozialbauwohnungen zu ermöglichen, um sie aus staatlicher Abhängigkeit zu befreien. Auf diese Weise zog sie eine Generation von Hausbesitzern heran, die sich eher mit den selbstbestimmten Werten der Tories identifizierten als mit der Wohlfahrtsstaatsmentalität von Labour.

          Das neue Symbol des Arriviertseins

          Die politische Bedeutung dieser Entwicklung ging Tony Blair wie eine Erleuchtung auf, als er im Wahlkampf 1992 in einer mittelenglischen Vorstadt einem Elektriker begegnete, der seinen Ford Sierra polierte. Der Mann erzählte, er habe früher, wie sein Vater, immer Labour gewählt, doch nun habe er ein Haus gekauft, ein eigenes Unternehmen auf die Beine gestellt und sei zum Tory geworden. Vier Jahre später erzählte Blair, der mittlerweile zum Oppositionsführer aufgestiegen war, die Geschichte als Beispiel dafür, wie Labour sich als Partei der Aufstrebenden präsentieren müsse, um an die Regierung zu gelangen.

          Inzwischen hatte Ford den Sierra durch den Mondeo ersetzt, und so kam es, dass der zum Inbegriff des mittelständischen Wählers gewordene Elektriker, den es für Neu-Labour zu gewinnen galt, „Mondeo Man“ getauft wurde. Und so wie Blairs Labour Party einst den Medianwähler umwarb, buhlen die Konservativen jetzt um die Stimmen der Arbeiter. 2015 hatten sie den „White Van Man“ im Visier, die markante Kategorie selbständiger Handwerker aus der südenglischen Arbeiterschicht, die im Ford-Kleintransporter unterwegs ist. Im letzten Wahlkampf galt es stattdessen, die sogenannten „Rote-Mauer-Wähler“ in der nordenglischen Arbeiterschaft zu erobern, denen unter Thatcher der Aufstieg zum Mondeo-Mann nicht gelang. Wenn Ford die Produktion des Mondeo jetzt einstellt, ist auch der Mondeo-Mann Geschichte. Nicht nur, dass die Industrie auf das Elektroauto setzt. Auch der Mondeo-Mann kann seine Ansprüche dank neuer Finanzierungsmöglichkeiten höherschrauben. Womöglich heißt sein Nachfolger „SUV Man“ nach dem Stadt-Geländewagen, dem neuen Symbol des Arriviertseins.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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