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Edo Reents (edo.)

Boygroup BTS : Verspätet an die Waffen

  • -Aktualisiert am

In the army now? Noch nicht: Die Mitglieder der Boygroup BTS bewerben ihr neues Album „Be“. Bild: Picture-Alliance

Lebensverlängernde Maßnahme: Zwei Mitglieder der südkoreanischen Popgruppe BTS müssten jetzt zum Militär. Dank einer Gesetzesänderung bekommen sie jedoch eine neue Frist. Damit wäre ihr Karrieretod einstweilen verhindert.

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          Dass Unterhaltungsmusiker sämtlich zum Pazifismus neigten und deswegen auch mit dem Militär nichts zu tun haben wollten, stimmt so nicht. Natürlich, John Lennon sang mit Yoko Ono „Give Peace a Chance“; aber er hatte vorher in „How I Won the War“ mitgespielt, das seiner Botschaft nach zwar ein sogenannter Antikriegsfilm, von seinem Sujet her aber nichts anderes als eben ein Kriegsfilm ist. Und Elvis Presley quittierte seinen Einberufungsbescheid anstandslos („eine Pflicht, die ich zu erfüllen habe, und das werde ich auch tun“), ging zum Friseur und dann ab nach Texas zum Panzerbataillon. Als er nach der Grundausbildung, in der er auf jede Vorzugsbehandlung verzichtet hatte, am 1. Oktober 1958 auf dem Truppentransporter „General Randall“ mit Sack und Pack in Bremerhaven einlief, hatten viele schon den Tod des doch eben erst geborenen Rock’n’Roll vor Augen, aber die Rechnung ohne den gerissenen Manager Colonel Tom Parker gemacht, der auch diese Episode, in der Presley es bis zum Sergeanten brachte, auszuschlachten wusste, mitsamt dem albernen Film „G.I. Blues“.

          Insgesamt darf man sagen, dass die Zeit beim Militär Elvis Presleys Karriere nicht nur nicht geschadet, sondern eher noch befördert hat – aus dem hedonistischen Bürgerschreck war ein Kumpel geworden, auf den sich das Vaterland verlassen konnte. Ob man das eines Tages auch in Südkorea über die Popgruppe BTS wird sagen können? Das Septett, laut britischem „Guardian“ die „biggest pop group on the planet“, also genau das, was Elvis damals als Ein-Mann-Betrieb war, steht gerade vor einem ähnlichen Karriereschritt, von dem bis hinauf in die Spitze der südkoreanischen Politik befürchtet wird, dass er den Karrieretod bedeuten könnte: Zwei seiner Mitglieder werden 28 – einer, Jin, sogar exakt heute; herzlichen Glückwunsch, Jin! – und müssten damit eigentlich zum Militär.

          Außergewöhnliche Authentizität

          Aber der südkoreanische Spieß wird sich noch ein wenig gedulden müssen, nachdem die Demokratische Partei gerade eine Gesetzesänderung befördert hat, so dass die beiden Anwärter, die schon signalisiert hatten, dass sie prinzipiell natürlich bereitstünden – „wenn die Pflicht ruft“, sagte Jin mannhaft wie Elvis –, erst mit dreißig zum, wir würden sagen: „Bund“ müssen. Für BTS, die als erste südkoreanische Gruppe gerade erst die amerikanischen Hitparaden erobert haben und der ein kalifornischer Professor trotz oder vielleicht auch wegen ihrer retortenhaften Anmutung – so ganz genau weiß man das bei diesen Imagetheoretikern ja nie – eine außergewöhnliche Authentizität bescheinigt hat (wofür immer die auch gut sein soll), ist das in jedem Fall eine lebensverlängernde Maßnahme.

          Für Superstars wie sie können ja schon zwei Tage Abwesenheit in den sozialen Netzwerken den sicheren Tod bedeuten. Und wer wollte die Nase darüber rümpfen, wenn ein Land seine Exportartikel schützt? Gönnen wir den glorreichen Sieben also die Fristverlängerung bis zum Eintritt in eine weniger komfortable Lebensphase, und seien wir gespannt, was sie draus machen. Vielleicht ein Lied? „Ich bin beim Bund, ich bin beim Bund. Ich bin ja so ein armer Hund“, jammerte Udo Lindenberg 1983. Der ehemalige Kanonier wusste immerhin, wovon er sang.

          Edo Reents
          (edo.), Feuilleton

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