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Mitch Winehouse über Amy : Die Korrekturen

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In seiner peinlichen Nähe

Nur wer ist man überhaupt, was erdreistet man sich denn, die moralischen Fragen anderer Leute zu verhandeln, wen bitte geht denn das was an? Aber Sie haben doch dieses Buch geschrieben, will man sagen, wenn man Mitch Winehouse dann gegenübersitzen wird, und somit Ihre moralischen Fragen doch gewissermaßen veröffentlicht, für alle. Ja, denkt man weiter, mit dem Schreiben hat er aber bereits im August 2011, nicht mal einen Monat nach dem Tod seiner Tocher, angefangen. Also, unzurechnungsfähig, klar, Beschäftigungstherapie, Bewältigungsstrategie et cetera - kann man verstehen, da muss man den armen Mann einfach in Ruhe lassen mit solchen Auszieh-Fragen, dachte ich also während der Vorbereitung des Interviews.

Dieser Mann, Mitch Winehouse, lässt einen jedoch mit seinem Buch nicht in Ruhe, er berührt einen peinlich. Mitunter schämt man sich für die innige Nähe zwischen ihm und seiner Tochter, zwischen „seinem Mädchen“ und dem Vater, der seit jeher singen wollte und stattdessen Taxi fuhr. „Sein Mädchen“ lässt sich „Daddy’s Girl“ auf den Oberarm tätowieren, sie will von ihrem Vater „Küsse und Knuddeln“, der mit ihrem zunehmenden Erfolg und der immer schlimmer werdenden Sucht mehr und mehr beginnt, ihr Leben zu leben. Er verhaut ihren Freund Blake, sie wiederum ruft ihren Vater an und berichtet erfreut über ihre erneut einsetzende Menstruation, wie er, etwas befremdet, schreibt, oder sie bittet ihn, zu „Agent Provocateur“ zu gehen, um Unterwäsche für sie zu kaufen. Das alles hat so einen unangenehmen, weil so naheliegenden Sigmund-Freud-Stich - diese klassische Kompetenzverwirrung unter Verwandten, die Liebe und den Lebenstraum betreffend. Und trotzdem: Fand er das denn normal?, will man wissen.

Seine unberührbare Version ihres Lebens

Als ich Mitch Winehouse dann in London traf, hatte ich viele, viele Fragen vorbereitet. Er ist ein sehr kräftiger, umfangreicher Mann. Gepflegt, braungebrannt, schöne Lederschuhe. Er sah bei der Begrüßung auf den Boden und vermittelte sofort den Eindruck, dass er weder Lust noch Zeit habe, was er dann auch sagte, schließlich beantworte er schon den ganzen Tag die gleichen Fragen. Ungeduldig, einschüchternd, ja verächtlich saß er auf seinem Stuhl und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Gespräch unmöglich. Es war sofort klar, dass man seine Version von Amy Winehouse’ Leben nicht würde anfassen dürfen, und es war auch klar, dass die große Offenheit in seinem Korrektur-Buch nun durch Abwehr ersetzt werden würde - was nachvollziehbar ist, wenn man sich in einem Buch so ausgeschüttet hat.

Er sprach schnell und laut. Er sagte, es ginge ihm okay, dass die Stiftung, welche er nach dem Tod seiner Tochter ins Leben gerufen habe, viel Zeit in Anspruch nehme, dass ihm das Schreiben des Buches nicht weh getan habe, dafür aber das Korrekturlesen danach, und dass es ihm darum gehe, Amy so zu zeigen, wie sie war. NEIN, er habe nicht das Leben seiner Tochter gelebt, NEIN, er mache sich keine Vorwürfe, er habe alles für sie getan und: „Wir haben unsere Kinder immer unterstützt, sie nie zu etwas gedrängt“, wobei ich danach gar nicht gefragt hatte.

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