https://www.faz.net/-gqz-z3sz

Mit „Lynn“ in Montauk : Sie wusste, wo es schön sein würde

  • -Aktualisiert am

In der Erzählung hieß sie Lynn: Alice am Strand von Montauk Bild: Volker Weidermann

Vor sechsunddreißig Jahren verbrachte sie mit Max Frisch ein Wochenende auf Long Island. Es begann die Liebe zwischen einem älteren Mann und einer jungen Frau. Er schrieb darüber seine schönste Erzählung. Sie kehrt nun zum ersten Mal wieder zurück - nach Montauk.

          Ein Schild, das Aussicht über die Insel verspricht: OVERLOOK. Sie ist sich nicht sicher, ob es das richtige Schild ist. Wir parken das Auto auf dem großen, leeren Parkplatz, steigen aus. Sie geht an die hölzerne Absperrung, schaut. Ihre roten Haare im Wind. Man sieht das Meer in einiger Entfernung, die Dünen, militärisches Sperrgebiet hinter einem Zaun. Nein, es ist nicht der richtige Parkplatz. Hier hat sie nicht begonnen, ihre Geschichte, die Erzählung. Die Geschichte von Lynn und Max. Das Buch - „Montauk“.

          Wir sind auf einer sonderbaren Reise. Auf der Reise in ein Buch, in eine Vergangenheit, in ein anderes, ein früheres Leben hinein, eine Reise an den Ort einer Liebe, die vergangen ist. Sie heißt Alice Carey, im Buch heißt sie Lynn, ihr Geliebter hieß Max Frisch, im Buch und in der Wirklichkeit. „Montauk“ ist eine der schönsten Erzählungen über die Liebe, die es gibt, die Geschichte eines Wochenendes im Mai 1974.

          Es war ein Experiment, der Versuch, die Wahrheit zu erzählen, nichts hinzuzuerfinden, nichts wegzulassen: „Ich möchte diesen Tag beschreiben, nichts als diesen Tag, unser Wochenende und wie's dazu gekommen ist, wie es weiter verläuft. Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.“ So Frischs Programm in „Montauk“.

          Der Querbau, vorne am Strand, ist noch aus der damaligen Zeit

          Lynn war Mitarbeiterin seines amerikanischen Verlages, betreute ihn bei Interviews, führte ihn durch die Stadt, so viel ist bekannt, das alles steht im Buch. Trotzdem blieb sie ein großes Geheimnis in der Gemeinde der Frisch-Freunde, diese Frau, die Liebe eines Wochenendes. Sie war damals dreißig Jahre alt, Max Frisch zweiundsechzig.

          Er war noch verheiratet mit Marianne Frisch, doch die Ehe stand vor dem Aus, ihre Untreue beschreibt der Autor minutiös, seine eigenen Fehler, seine Hysterie, seine ganze Unerträglichkeit nach jahrelanger Ehe auch. Und jetzt also Lynn. Jetzt dieses Wochenende, ihr rotes Haar, ihr kleiner Po in der engen Jeans, ihre Leichtigkeit, ihre Naivität, ihr Insistieren auf unbekümmerten Fragen, seine Zweifel, seine Freude an diesem neuen Leben, seine Freude daran, ein neues Leben zu beginnen, eine neue Leichtigkeit in sich zu spüren, wenigstens für ein Wochenende. Eine kleine, plötzliche Liebe, eine große, letzte Liebe: „Eine wird die letzte Frau sein, und ich wünsche, es sei Lynn, wir werden einen leichten und guten Abschied haben.“

          Post aus einem Roman

          Wer war Lynn?
          Wer ist Alice?
          Sie lebt heute in einem kleinen Ort in den Bergen von North Carolina, in Hendersonville. Ihre Mail-Adresse habe ich vom Max-Frisch-Archiv in Zürich bekommen. Ich schrieb ihr, dass ich sie treffen möchte, dass ich mit ihr über Max Frisch reden möchte und das Wochenende vor sechsunddreißig Jahren. Lange bekam ich keine Antwort, wochenlang. Ich schrieb erneut, mit wenig Hoffnung. Entweder hatte sie die Mail-Adresse gewechselt oder - noch wahrscheinlicher - sie wollte nicht mehr an eine kurze Liebe aus einem anderen Leben erinnert werden und auch noch mit einem deutschen Journalisten darüber reden. Doch diesmal antwortete sie sofort. Ob ich ihre erste Mail nicht bekommen hätte. Natürlich wolle sie mich treffen, natürlich erinnere sie sich gern an das Wochenende damals in Montauk. Irgendein Spam-Filter musste ihre erste Post abgefangen haben. Jetzt war sie da: Post von Lynn. Post aus einem Roman.

          Weitere Themen

          Sie ist der Boss

          Phänomen Alice Merton : Sie ist der Boss

          Alice Merton macht Songs für den Massengeschmack, auf die sich Radiohörer von Amerika bis Deutschland einigen können. Aber sie macht sie selbst. Über einen Profi in der Musikbranche – und die Sehnsucht dazuzugehören.

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Der Geist der Ostsee

          Filmemacher Volker Koepp : Der Geist der Ostsee

          Reflektierte Romantik: Volker Koepp durchstreift in seinen Filmen das Mittelmeer des Nordens. Der Mensch ist dort nie das Maß aller Dinge gewesen. Schlimm zugerichtet wird die Landschaft dort aber trotzdem.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber

          Streit um EU-Jobs : EVP-Kandidat Weber greift Macron an

          Manfred Weber geht im Ringen um den Job als EU-Kommissionspräsident in die Offensive. Er wirft seinen Gegnern destruktives Verhalten vor und warnt: „Die Frustration von Wählern ist absehbar.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.