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Auf dem Weg zur Buchmesse : Zurechtgerüttelte Menschenleiber

Der Tatort: Die S-Bahn in Leipzig! Hier bei der Eröffnung des City-Tunnels im Dezember 2013. Bild: dpa

Wer es pünktlich zur Leipziger Buchmesse schaffen will, der muss so einiges mitmachen – diesmal in der S-Bahn statt in der Straßenbahn.

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          „Leser, kommst Du nach Leipzig, weil schon wieder Buchmesse ist, dann bleibt dir diese Fahrt nicht erspart, sofern du vom Zentrum zum Messegelände zu gelangen hoffst.“ – So begann vor einem Jahr an dieser Stelle ein Bericht über die Fahrt mit der Straßenbahnlinie 16 (F.A.Z. vom 19. März 2016). Einige Leserzuschriften fanden den satirischen Charakter des Textes nicht so gut, andere höhnten, wer so dämlich sei, mit der Straßenbahn zu fahren, der sei selbst schuld: es gäbe doch schließlich die S-Bahn.

          Dieser Rat wird nun befolgt. Der freundliche Rezeptionist nennt Linien und Fahrzeiten. S2, S5, S5X, S11. Na dann, denkt sich der Besucher, das muss reichen. Und sind ja auch nur zwei Stationen. Um 10 Uhr werden die Messehallen fürs Publikum geöffnet, also Abfahrt 9.23 Uhr mit der S5 im City Tunnel neben dem Hauptbahnhof. Geplante Abfahrt, muss man sagen, denn die Bahn kommt nicht, stattdessen informiert die Anzeigentafel, dass die S5X heute sechzig Minuten verspätet ist. Keine Ansagen, kein Personal am Bahnsteig. Immerhin Einfahrt einer S11, die bereits so voll ist wie der Bahnsteig selbst. Ein bisschen was geht immer, und als der Zug luftdicht mit zurechtgerüttelten Menschenleibern befüllt und das letzte Heckbürzel diesseits der Lichtschranke gequetscht ist, hat man mitten in Sachsen das Feeling einer Megacity-U-Bahn erreicht. Die laut Fahrplan neun Minuten kurze Reise über Leipzig Nord verbringen die Fahrgäste im Blindflug, warum die Kriechfahrt sich auf mehr als das Doppelte ausdehnt, lässt sich nicht erkennen, die Welt ist hinter den beschlagenen Scheiben nur noch schemenhaft zu erkennen, die Stirnen glänzen schweißnass, man atmet möglichst flach.

          Die Worte des sächsischen Ministerpräsidenten, am Vorabend gesprochen beim Festakt zur Messe-Eröffnung, melden sich als Echo einer vom Verlöschen bedrohten Existenz. Es komme darauf an, sich in einer Welt von Fake News „mehr Kopf“ und „mehr Zeit“ zu gestatten, Fakten zu überprüfen. Aber wird man die von Stanislaw Tillich versprochenen „Schongsen“ dazu überhaupt haben? Werden die Sauerstoffreserven reichen bis zum Ausstieg in Fahrtrichtung rechts? Was reingeht, geht auch wieder raus. Bei der Rückfahrt zum Hauptbahnhof beträgt die Fahrzeit fünfundzwanzig Minuten. Ein vorausfahrender Zug hat die Güte, die Haltestelle Leipzig Nord zu blockieren. Eine mitfahrende Schaffnerin, ebenso entnervt wie die Fahrgäste, verleiht ihrer Verzweiflung mit den Worten Ausdruck: „Was tun die uns heute nur wieder an!“ Es gibt für die nächsten Jahre noch genug Ideen, die sieben bis acht Kilometer zu bewältigen. Wäre ja gelacht.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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