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Mit Büchern umziehen : Leopardi

Nicht nur auf Buchmessen wie hier in Frankfurt ist das Leben mit Bücherstapeln eine Herausforderung. Bild: dpa

Umzüge sind eine gute Gelegenheit, sich von Sachen zu trennen – außer man hat zu viele Bücher. Denn kaum schlägt man eines auf, öffnen sich vergessene Welten, die nicht ins Altpapier gehören. Ein Plädoyer fürs Behalten.

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          Fritz J. Raddatz erzählte einmal davon, wie er umgezogen sei, und für das Einpacken der Bücher habe er „ein paar Studenten“ angeheuert, die ihm fast die ganze Arbeit mit seiner gigantischen Bibliothek abgenommen hätten. Daran musste ich denken, als ich auf der Leiter stand, um an die Autoren auf drei Meter Höhe heranzukommen. Ein Blick in die Tiefe sagte mir: Erst 49 Umzugskartons mit Büchern waren gepackt. „Man müsste es machen wie Fritz J. Raddatz“, murmelte ich und klaubte ächzend die Titel für die fünfzigste Kiste zusammen. Dann wurde mir bewusst, dass die vertrauenswürdigen Studenten heute vielleicht nicht mehr so leicht zu finden wären.

          In Gedanken formulierte ich den Text der Anzeige, die ich aufgeben könnte, um es trotzdem zu schaffen. „Gesucht: Zwei bibliophile Studenten ohne Höhenangst, für acht Stunden, vielleicht mehr. Die Kandidaten müssen fähig sein, eine siebenstufige Leiter zu besteigen, in größerer Höhe Bücher aus dem Regal zu nehmen und sie schonend in Umzugskartons zu legen, welche sachgemäß zu verschließen und zu etikettieren sind. Dreizehn Euro die Stunde. Gute Handschrift erforderlich, ferner Muskeln, Umsicht, angenehme Disposition. Achtung vor Büchern wird vorausgesetzt.“ Nachdem mir das utopische Moment meiner Anzeige klargeworden war, konzentrierte ich mich lieber auf das Aussortieren von Büchern, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr angerührt hatte (außer bei den letzten beiden Umzügen) und die ich womöglich auch in den kommenden zwanzig Jahren nicht anrühren würde (außer bei künftigen Umzügen), darunter Dantes „Göttliche Komödie“, Christopher Marlowes Dramen und Leopardis „Gedankentagebuch“.

          Dante sortiert man natürlich nicht aus, der Bildung wegen. Marlowe, na ja. Aber Leopardi, das ist etwas Anderes, der gilt schon ein bisschen als speziell. Hoch oben auf der Leiter schlug ich also das Buch auf, von dem ich nicht mehr wusste, wie es in meinen Besitz gekommen war, und las einen wirklich tollen, pessimistischen, total desillusionierenden Satz aus Leopardis „Gedankentagebuch“. Ich beschloss, es auf keinen Fall auszusortieren, sondern in den nächsten zwanzig Jahren zu lesen. Der Satz selbst ... Ich hatte da oben auf der Leiter leider keinen Stift, um ihn mir zu notieren, und wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht mehr, wo das Buch jetzt ist, es wird doch nicht etwa beim Umzug verlorengegangen sein? Jedenfalls. Keine Studenten anheuern! Selbermachen. Erfahrungen sammeln. Neue Autoren lesen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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