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Missy Elliott : Nur Großzügigkeit kann uns retten

HipHop-Göttin: Missy Elliott Bild: Eastwest

Auf ihrem neuen Album „Under Construction“ wendet sich Missy Elliott mit erotischem Genie gegen die Krise.

          3 Min.

          Wie sollten wir das alles nur aushalten ohne die Göttin, sie komme, in welcher Gestalt sie wolle? Wäre das Leben nicht das allergreulichste ohne Madonna, Audrey Hepburn, die "Supremes", Sappho, Buffy Summers, Astrid Lindgren, Rosa Luxemburg und Missy Elliott?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das erste Stück der neuen Platte der Letztgenannten schiebt sich aus der fruchtbaren Erde der Musiktradition "Hip-Hop" wie ein neues Weltgesetz des Sichschüttelns, Bebens und Zuckens: "Ding! Ding-da-ding-ding! Ding-da-ding-ding!" spottet Missy zufrieden. O ja: Sie tut ihre Pflicht, der Groove wird von Finanzministerin Elliott maximal besteuert - keine Wendung, kein musikalischer Gewinn, der nicht ein Klopfen, Pochen oder Lachen des Beats abwirft, das sofort der sozialen Gerechtigkeit übergeben, sprich: an die menschliche Stimme verfüttert wird, welche hier paradoxer- und völlig säkularerweise zugleich die einer Frau und die einer Göttin ist. Da kann Eichel noch was lernen: Würde er die Leute schröpfen und erschöpfen wie Missy ihre Ideen, sie schmissen ihm fürwahr ihr Erstgeborenes nach und liebten ihn dafür noch.

          Von einzelnen Stücken zu schreiben verbietet sich fast, weil hier jedes ein Roman ist, ein Konzert, ein Lebewesen und ein platonischer Körper: Die elektronische Büberei, die unter Missys Gegurre und Gezicke auf dem kleinen, federweiß buschigen Wunder "Work It" herumbrummt und gluckert, ist architektonisch nicht mehr bloß ein "Track" oder "Song", der einen in der Waagerechten abbildbaren zeitlichen und einen in der Senkrechten, als Instrumentierung aufschlüsselbaren räumlichen Verlauf hätte, sondern eine dreidimensionale Anzüglichkeit mit rückwärts eingespielten verbalen Obszönitäten, ein Hormon-Ikosaeder aus Sound; der Telefon-Dialog mit Beyonce Knowles auf "Nothing Out There for Me" ist pure flüssige Sehnsucht, aber mit Witz; "Hot" schließlich, wo Stampfen wie Sprechen klingt und umgekehrt, schlägt dem Faß die Krone vors Bauchfell und stellt an Lässigkeit sogar noch Missys Kurzauftritt auf Tweets "Oops" in den Schatten, der doch auf MTV und Viva für die glitzerndsten zehn Videoclip-Sekunden des Jahres 2002 gesorgt hat.

          Wenn die Göttin spricht, müßte die Vielzahl der Schwätzer, die dem Herrgott ein Ohr abkaut, eigentlich Ruhe geben - Einkehr und Obacht hätten die Welt bannen müssen, als Missy ihren Mund auftat und sich in einer kleinen Ansprache zu Beginn ihres neuen Albums an Zeitschriftenschmierer, Radiokätzchen, Zuhörerinnen und die "schlichten alten Hasser" wandte, um sie zu ermahnen, daß das Leben im Moment schwer genug sei und für zu viele Leute zu früh ende, als daß man nicht begreifen könnte, daß die Großzügigkeit, der weise Hedonismus dieser Musik eben nicht einfach Sorglosigkeit bedeutet, sondern eine moralische Dimension hat.

          Denn wenn die erwachsenen Seelen großer schwarzer Künstlerinnen der Gegenwart wie Missy oder auch Mary J. Blige gegen "Haß" - gegen die "plain old haters", wie es hier heißt, oder gegen "hateration", wie Mary J. Blige in ihrem Jahrhundertsong "Family Affair" warnt - agitieren, dann meint das nicht einfach irgendein unverbindliches Plädoyer dafür, sich zu überlegen, daß Sektgelage mehr Freude bringen als Atombomben, Krieg oder Magenschmerz.

          Gemeint ist vielmehr, wenn hier sehr spezifisch auch "Klatsch", "dummes Geschwätz" und "Unwissenheit" beschimpft werden, die Schießerei in der Nachbarschaft und der rassistische Politiker im Fernsehen gleichermaßen, nämlich die Neigung des aus der Vergesellschaftung herausfallenden Autisten der nicht mehr ganz so schönen neuen Welt, sich das, was er für sein Recht hält, ohne Vermittlung direkt zu verschaffen: mittels Gewalt oder Hetze. Gemeint sind also auch die mit allerlei Zusammenreiß-Forderungen und viel Haß auf Spaß garnierten Durchhalteparolen unserer abgeschmackten Weltwirtschaftskrise, während überall panische Subjekte, die nicht wissen, wohin die Reise geht, und sich vor nichts so sehr fürchten wie vor dem Abstieg in die große ungewaschene Masse, gegen angeblich unser kollektives Immunsystem schädigende schwarze Kriminelle oder Einwanderer, Wohlfahrtsschmarotzer, lungernde Jugendliche und gemästete Rentner militant werden, während nach wie vor fünfzig Prozent des Geldvermögens in fünf Prozent der Hände liegen.

          Gemeint ist daher auch die atemberaubende Häßlichkeit einer Popwelt, die solchen Erscheinungen keineswegs souverän-freischwebend gegenübersteht, sondern sie nicht selten weitertreibt, wenn etwa zynische, kaputte, überarbeitete und zum Plattenhören zu gestreßte Popkritiker an dieser Platte nichts weiter bemerken, als daß die Künstlerin, dem Foto auf dem Cover nach zu urteilen, offenbar abgenommen hat - gemeint ist also, wenn Missy gegen Haß rappt und swingt, daß soziale, ökonomische oder erotische Angst diesen Haß erzeugen kann und diejenigen häßlich macht, die jener Angst nachgeben. Im Klingeln, Schwappen und Tanzen von Missys Musik wird aber auch das einzige Heilmittel gegen diese Pest benannt: Soziale, ökonomische und erotische Großzügigkeit machen schön.

          "Under Construction" ist daher eine der schönsten Platten einer der schönsten Künstlerinnen der Welt geworden: in ihren vielen attraktiven, schummrigen und würzigen absichtlichen Unreinheiten einfach eine reine Freude.

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