https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/missklang-im-woerterbuch-18367748.html

Sprache und Geschlecht : Missklang im Wörterbuch

Stand des Hauses Treccani auf der Buchmesse in Turin Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Der Vocabulario Treccani, Italiens führendes Wörterbuch, nimmt weibliche Berufsbezeichnungen auf. Auch Beispielsätze werden entstaubt – und noch mehr Anglizismen finden Einzug.

          2 Min.

          „Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, bin eine Mutter, bin Italienerin, bin Christin“, bellte die künftige Ministerpräsidentin Giorgia Meloni im Wahlkampf über die Piazze der großen Städte. Rhetorisch bekannte sich zu ihrem Frausein, aber damit hatte es sich dann auch. Über die Quote macht sie sich lustig. Eine Protagonistin der Emanzipation ist sie nicht. Auch wenn sie die Partner ihrer Mitte-Rechts-Koalition, Matteo Salvini und Silvio Berlusconi, ganz schön alt aussehen ließ, indem sie deren selbstgerechtes Machogebaren herausforderte und sie ohne Trauschein mit dem Vater ihrer sechsjährigen Tochter zusammenlebt, wo doch ihre „Fratelli d’Italia“ sich „Gott, Vaterland und Familie“ auf die Fahnen geschrieben haben.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Der nun zu vermeldende italienische Emanzipationsschritt zeichnet sich auch nicht in der Politik, sondern ganz ohne postfaschistisches Zutun in der Sprache ab. Der Vocabulario Treccani, Italiens führendes Wörterbuch, hat in seiner neuen Ausgabe, die kurz vor den Parlamentswahlen vorgestellt wurde, zum ersten Mal die weiblichen Formen der Substantive und Adjektive lemmatisiert, die traditionell nur in der männlichen Form erfasst wurden: Personen- und Berufsbezeichnungen wie „architetto“, „chirurgo“, „medico“, „notaio“, „sindaco“ oder „soldato“ werden seit jeher geschlechterübergreifend für beide gebraucht, den Architekten und die Architektin, den Chirurgen und die Chir­urgin, den Arzt und die Ärztin, den Notar und die Notarin, den Bürgermeister und die Bürgermeisterin, den Soldaten und die Soldatin.

          Änderungen nicht auf Druck von Aktivisten

          Zwar werden daneben auch die – jetzt ins Wörterbuch aufgenommenen – abgeleiteten weiblichen Formen „architetta“, „medica“ oder „sindaca“ verwendet, doch haben sie sich auf breiter Ebene nicht durchgesetzt, da sie, so die Sprachforscher bislang, in den Ohren der meisten „nicht richtig“ klingen. Dieses Akzeptanzpro­blem hatten und haben Berufsbezeichnungen, die auf „-a“ enden, wie „farmacista“ (Apotheker), „giornalista“ (Journalist) oder „regista“ (Regisseur) nicht, genügt hier doch der Wechsel des Artikels von männlich „il“ zu weiblich „la“, um die Apothekerin, die Journalistin, die Regisseurin zu bestimmen.

          Die Aktualisierungen gegenüber der vorherigen Ausgabe von 2018 reagieren nicht etwa auf Forderungen von Gender-Aktivistinnen, die keine lautstarke Rolle spielen, sondern kommen dem Auftrag des Vocabulario Treccani nach, die Sprachentwicklung abzubilden und, so heißt es auf der Website, „die soziokulturellen Veränderungen in unserem Land zu bezeugen und neue Nuancen, Definitionen und Bedeutungen anzuerkennen“. Die beiden verantwortlichen Redakteure, Va­leria Della Valle, Emerita für Linguistik an der Sapienza in Rom, und ihr an der Universität Siena lehrender Kollege Giuseppe Patota, haben auch Definitionen und ­Beispielsätze entstaubt und ge­schlechtsspezifische Stereotypen entfernt: „Klassiker“ wie „Die Frau bügelt und kocht, der Mann geht zur Arbeit und liest Zeitung“ wurden für heutige Zitate aus Zeitungen, Büchern und Blogs ausgetauscht. Selbst bei den Adjektiven herrscht „Gleichstellung“: Wer im Wörterbuch „bello“ sucht, findet es hinter „bella“, beide sind fett gedruckt. Die Reihenfolge bedeutet keine Präferenz der weiblichen Form, sondern folgt der alphabetischen Ordnung: „a“ kommt vor „o“. Das gilt auch für „amica“ und „amico“, Freundin und Freund, oder für „direttore“ und „direttrice“, Direktor und Direktorin: „o“ kommt vor „r“. Schließlich wurden Substantive, von denen vordem nur die weibliche Form vertreten war, um ihre männlichen Pendants ergänzt: Neben „casalinga“ (Hausfrau) tritt „casalingo“ (Hausmann).

          Unter den Neologismen, die jetzt im Vocabulario Treccani stehen, finden sich vor allem während der Pandemie übernommene Anglizismen, darunter „Covid-19“, „lockdown“, „smart-working“ „termoscanner“ oder „rider“, wie hier der Fahrradkurier genannt wird. Auch Ab­kürzungen wie „DaD“, was für „didattica a distanza“ (Fernunterricht) steht, wurden erstmals berücksichtigt. Die von den sozialen Medien befeuerte Mode, immer mehr Entlehnungen aus dem Englischen einzubürgern, darunter auch solche, mit deren Aussprache sich viele Italiener schwertun, setzt sich fort. Dass dieser Entwicklung mit einer aktiven Sprachpolitik nach französischem Vorbild be­gegnet wird, ist allerdings von dem Patriotismus, den Giorgia Meloni vertritt, nicht zu erwarten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nancy Faeser bei ihrer Ankunft in Doha einen knappen Monat vor Beginn der Fußball-WM in Qatar

          Fußball-WM : Selbstbewusstes Qatar, selbstgerechtes Deutschland

          Qatar will nach der WM die strategischen Beziehungen neu ordnen. Wo­möglich kann Diplomatie die Verstimmung, die Deutschland zuletzt hervorgerufen hat, nicht mehr ausgleichen. So dringend ist Qatar nicht auf Berlin angewiesen.

          0:2 gegen Argentinien : Polen verliert und zittert sich weiter

          Fröhliche Sieger und erleichterte Verlierer: 0:2 verlieren die Polen gegen Argentinien – und kommt dennoch weiter. Die „Albiceleste“ um Lionel Messi zeigt zum ersten mal bei dieser WM ihre Überlegenheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.